Es war ein kalter Tag. Und der Abend ist noch kälter. Doch vor allem friere ich innerlich, erschauere bei dem Gedanken an das, was mich erwartet. Ich ziehe meine Strickjacke um mich, während ich aus den bodentiefen Fenstern in den Wald schaue. Die letzten Sonnenstrahlen berühren den Boden, bald ist es dunkel. Es wird tiefdunkel in diesem Wald, kein Sternenlicht fällt durch die Wipfel der Bäume. Es ist einsam. An die Geräusche der Tiere habe ich mich längst gewöhnt, ohne sie könnte ich gar nicht mehr einschlafen. Dann würden es noch weniger als der üblichen fünf Stunden Schlaf für mich sein. Außerhalb komme ich gar nicht zur Ruhe. In Hotels finde ich kaum in den Schlaf. Deshalb fahre ich nicht mehr so oft weg. Aber vielleicht ist das auch die Folge des Alters. 40 Jahre bin ich heute geworden. Alt oder jung? Auf jeden Fall träger. Wahrscheinlich habe ich noch über die Hälfte meines Lebens vor mir. Heute wird sich entscheiden, ob das die bessere Hälfte wird.
Ich atme langsam
aus. Ein bisschen Herbstluft dringt durch den schmalen Spalt der
Terrassentür, die ich geöffnet habe, bevor es beginnt. Der Trubel.
Ohne Heiterkeit, ein Muss. Heute kommen nur Menschen, die kommen
müssen. Kunden, Bekannte, immer fleißig netzwerken. Ohne geht es
nicht als Drehbuchautorin. Und die Familie natürlich, die
Blutsverwandten, nicht die Freunde, die mir wichtig sind. Sie wohnen
weit weg, verstreut über die Welt, ich besuche sie lieber allein.
Heute kommen sie nicht. Heute kommen alle, die mir nicht wichtig
sind. Und meine Schwester und mein Bruder, die ich verachte. Allen
anderen bin ich fast gleichgültig gegenüber. Aber meine Geschwister
hasse ich. Dennoch müssen sie kommen, das ist die Bedingung.
Mein Vater war
darauf bedacht, dass wir uns verstehen. Nicht mögen, aber wenigstens
regelmäßig sehen. Zu feierlichen Anlässen wie diesen. Er muss
geahnt haben, dass wir das nach seinem Tod nicht freiwillig machen
würden. Deshalb hat er es in seinem Testament verfügt. Dreimal im
Jahr zu unseren Geburtstagen, zu Ostern und zu Weihnachten, zum 4.
Juli. Sechsmal muss ich sie ertragen und sie mich. Die Belohnung am
Ende jedes Jahres: ein Stück vom Vermögen. Das heißt nicht
zwangsläufig Geld, es können auch Immobilien sein oder Boote oder
Reisen. Mein Vater war ein erfolgreicher Architekt. Hatte alles, und
noch mehr. Nur die Liebe in der Familie nicht.
„Vic? Wir sind fertig“, sagt Angela zu mir. Sie ist schon seit Jahren verantwortlich für das Catering an meinen Geburtstagen. Ich sehe ihr Spiegelbild in der Scheibe der Terrassentür an. „Danke, meine Liebe“, antworte ich und drehe mich zu ihr um. Ihr sanftes Lächeln lässt ihr Gesicht fast jugendlich erscheinen, dabei ist sie gute zehn Jahre älter als ich. In ihrer Gegenwart komme ich mir immer älter vor. Sie ist die beste Köchin, die ich kenne, und unschlagbar im Organisieren. Ihr geht alles mühelos von der Hand, während ich schon daran scheitere, für mehr als zwei Tage Lebensmittel einzukaufen. Für heute habe ich mir spanische Tapas gewünscht, alle möglichen Variationen, mit viel Knoblauch und frischen Kräutern. Ich war lange nicht in Spanien, so hole ich es mir wenigstens nach Hause, nach Minnesota. Der Wein ist importiert, amerikanischer Wein überzeugt mich nicht. Angestoßen wird mit spanischem Cava, keine komplizierten Cocktails heute.
Ich gehe mit Angela in die Küche, wo die Köstlichkeiten in meiner sonst vereinsamten Küche präsentiert werden. Servierkräfte werden sie auf kleinen Tabletts den Gästen reichen, sie werden an Stehtischen platziert, auf Sofas und Sesseln mit Wollplaids auf der Terrasse. Ich habe keinen Esstisch, ich habe sonst keine Gäste im Jahr. Alleine an einem Esstisch zu sitzen, macht mich einsam. Die Sofas sind für maximal drei Personen, es gibt dazu schwere Ohrensessel, in denen ich versinken kann. Mein Vater würde durchdrehen bei meiner Inneneinrichtung. Alles zusammengewürfelt. Aber alles Dinge, die mir gefallen. Nichts aus einem Guss, nichts, was wirklich zu den klaren Linien des Hauses passen würde. Die Leichtigkeit der vielen Fenster wird zunichte gemacht durch meine schweren Sessel und Sofas. Mein Stinkefinger in Richtung Grab meines Vaters, er würde rotieren, wäre er nicht verbrannt worden.
Meine kleine Rebellion in Sachen Inneneinrichtung wird allerdings einmal im Jahr zu einem Problem. An meinen Geburtstagen schäme ich mich für meinen nicht vorhandenen Geschmack und ich höre sie immer wieder raunen, Jahr für Jahr: „Sie hat nichts vom Stilgefühl ihres Vaters geerbt“, dazu schütten sie sich meine teuren Getränke in den Hals. Ich kann nicht abschütteln, dass es mich berührt, was andere über mich sagen. Ich will es ihnen recht machen, allen und immer. Ich will gelobt werden für meinen Geschmack, die wahre Erbin meines Vaters sein. Aber das werde ich nie schaffen. So bleibt mein Rückzug in meine Scham, einmal im Jahr. Meine einzige Waffe: Alkohol. Je mehr ich trinke, desto weniger höre ich.
Deshalb habe ich jetzt schon ein Glas spanischen Sekt in der Hand, der Mutmacher, bevor es losgeht. Ich proste Angela und ihren Angestellten zu, ich bin wirklich dankbar, bei ihnen in guten Händen zu sein. Es klingelt und ich wappne mich.
Die erste halbe
Stunde vergeht ohne Atemholen. Was ich aber nicht vergesse, ist immer
wieder mein Glas auffüllen zu lassen. Zum Glück hatte Angela mir
ein Mittagessen zubereitet, sonst wäre ich jetzt schon völlig
betrunken. Sehnsüchtig starre ich den Tapas nach, die an mir vorbei
den anderen Gästen gereicht werden. Essen geht jetzt nicht, ich muss
reden. Auch nicht meine Königsdisziplin: der Smalltalk. Es hat schon
seinen Grund, warum ich als Autorin im Haus im Wald lebe.
Mein Lächeln ist zwar echt bei der Begrüßung meiner Gäste, dennoch fühlt es sich steif an. Mir ist warm, trotz der herbstlichen Kälte draußen. Meine Strickjacke habe ich schon längst ausgezogen, mein dunkelrotes Kleid dürfte gut zu meinem geröteten Gesicht passen. Einen kurzen Moment wünsche ich mir ein Gesicht in der Menge, das ich liebe. Und dem ich vertrauen kann. Mein Blick schweift über die Besucher, Frauen und Männer ab 30 bis Ende 50, Autoren, Journalisten, Regisseure, Schauspieler, Agenten und Partner all dieser Menschen, die ich nur einmal im Jahr sehe. Ein Raum mit Alphatieren und Machern, mit Machtmenschen und denen, die es gerne wären.
„Victoria!“ Ich erschauere beim Klang meines Namens. Meine kleine Schwester ist da, ihr Ruf hallt durch den Raum, sie liebt den großen Auftritt. Ich drehe mich um und sehe die junge Version meiner Mutter, ich erinnere mich an Fotos, auf denen sie genauso aussah. Grazil, die langen blonden Haare in Hippiewellen auf den Schultern, doch das Lächeln auf Viviennes Gesicht ist unecht. Auf Higheels kommt sie mir entgegen gestelzt, das enge braune Wildlederkleid wirft keine Falte. Wir umarmen uns mit vielen Zentimetern Abstand zwischen unseren Hüften, ihre Wange streift kurz meine. „Alles Gute zum Geburtstag! Meine Güte, die magische 40!“, zwitschert sie mir ins Ohr, der Unterton ist so gemein wie üblich.
Dicht hinter ihr steht mein großer Bruder, nicht nur älter, sondern auch wirklich größer als Viv in ihren Zehn-Zentimeter-Schuhen. Auch er umarmt mich, dazu muss er sich weit runter beugen, ich trage keine hohen Schuhe. „Alles Gute!“, sagt er in seinem Singsang, mit dem er stundenlang auf Meetings Geschäftsleute einlullen kann, am Ende kaufen sie ihm alles ab. „Hallo Vincent“, sage ich und rücke schnell von ihm ab. Sein Parfum ist aufdringlich, mir wird fast schlecht, nachdem ich in Viviennes Chanel schon fast erstickt bin.
Alles an beiden ist zu viel: ihr Auftreten, ihr Geruch, ihre viel zu teure Kleidung. Aber immerhin, auch von ihnen hat keiner den Geschmack meines Vater geerbt. Doch sie legen Wert auf eine standesgemäße Einrichtung und ihnen ist auch egal, was andere über sie denken. Die standesgemäße Frau von Vincent, Mary, ist in seinem Schlepptau, die drei ebenfalls hellblonden Kinder (sie hatten bei den Eltern keine Chance), werden wie üblich von ihren Nannys zu Hause betreut. Ich frage mich, wer von ihnen heute fahren muss. Wenn Mary trinkt, wird es lustig, unter ihrem Dünkel verbirgt sich die Lust, nach drei Gläsern Rotwein zu fluchen. Vincent hingegen redet noch mehr, auch wenn ich immer glaube, dass das nicht möglich ist. Und Vivienne flirtet mit jedem, ob Mann, ob Frau, mit irgendwem finde ich sie später auf der Terrasse.
Die Geschenke haben
sie bereits im Flur auf einem Tisch deponiert, ich verschenke sie
unausgepackt später an das Personal.
Nach der Begrüßung
der drei winke ich eine Servicekraft herbei, ich brauche dringend
Nachschub. „Nehmt Ihr alle Cava?“, frage ich unschuldig in die
Runde. Vivienne verdreht die Augen. „Keine Cocktails? Sekt mag ich
nicht.“ „Du kannst gerne gleich mit Bourbon einsteigen“,
antworte ich. „Nein, danke, ich nehme den Rotwein“, sagt sie mit
spitzem Mund. Vincent und Mary nehmen sich beide ein Glas vom
Tablett, ich runzele die Stirn. „Wer fährt denn von Euch?“
„Julien“, antwortet Vivienne, während sie den Rotwein runter
stürzt. Wer ist Julien, will ich gerade fragen, da taucht er schon
in der Tür zum Wohnzimmer auf. Hat Vivienne wirklich einen Partner,
den sie hierher mitbringt? Eine Premiere.
Julien kommt näher,
ich beobachte ihn stumm. Er ist ein bisschen größer als ich,
Vivienne überragt ihn auf ihren Higheels, er trägt ein schwarzes
Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe, sein helles Gesicht wirkt
dadurch fast gespenstisch weiß. Seine dunklen Augen wandern durch
den Raum, heften sich an meine. Sein Blick ist überraschend ernst.
Normalerweise schleppt Vivienne, wenn überhaupt, seelenlose Männer
mit sich herum, schön, aber nichts dahinter. Julien hingegen macht
einen beunruhigend intelligenten Eindruck. Er streckt mir die Hand
hin. „Herzlichen Glückwunsch“, seine Stimme ist dunkel und nicht
einzuordnen. Er ist höflich, aber er irritiert mich. Ich mag keine
Überraschungen. „Danke. Was trinkst Du?“, frage ich harmlos.
„Ein Glas Rotwein zum Anstoßen“, seine Hand lässt meine jetzt
erst los. Ich winke dem Kellner und steige auch um.
Alle sind da, ich
muss eine Rede halten. „Schön, dass ihr alle da seid! Vielen Dank
für Eure Glückwünsche und Geschenke! Und nun wird gefeiert, lasst
es Euch schmecken und wenn was fehlt, sagt jederzeit Bescheid.
Prost!“ Ich bin keine große Rednerin. Das wissen zum Glück alle,
es hält ja auch nur auf. Ein Kellner geht an mir vorbei, ich
schnappe mir schnell eine Dattel mit Speck umwickelt, meine Hand
zittert. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Warum ich trotzdem
feiere? Am Ende des Jahres gibt es die Belohnung von Vater. Aber im
Gegenteil zu meinen Geschwistern bin ich nicht auf sein Vermächtnis
scharf, ich verdiene selbst genug Geld zum Leben. Ich bin süchtig
nach seinen Briefen an mich, geradezu abhängig von seinen Worten,
die mir immer fehlen. Außer, wenn ich schreibe.
Meine Geschwister,
meine Eltern haben nie verstanden, was ich mache. Schreiben ja, aber
das ist nicht meine Gabe. Ich beobachte. Ich sehe sie genau, wie sie
alle durch den Raum gehen, was sie dabei tun, wie sich ihr Körper
hält. Was sie sagen, ist ein Grundrauschen, ich sehe, was sie
meinen. Ich sehe den Subtext. Die Zwischenzeilen, die die anderen
nicht einmal hören.
Zum Glück haben
meine Geschwister das nie verstanden. Sonst wüssten sie, dass ich
genau weiß, was sie wollen.
Ich schlendere an meinen Gästen vorbei, tausche kurze Nettigkeiten und Belanglosigkeiten aus, während ich zielstrebig die Küche ansteuere. In der Küche fühle ich mich auf meinen Feiern am wohlsten. Ich kann mich ja schlecht im Wald verkriechen. Also verstecke ich mich zwischen Essen und Alkohol, zwischen den Kellnern, die zu tun haben und nicht lange an einem Ort verweilen. Ich stehe am Küchenfenster, sehe die zalhlosen Autos in der Auffahrt und atme aus.
„Kenne ich etwas von dem, was Du schreibst?“ Ich zucke merklich zusammen, ich war woanders. Ich drehe mich um. Julien steht hinter mir. „Ich weiß nicht, schaust Du Netflix oder Amazon Prime?“ Der Wein in meinem Glas zieht noch erschrockene Kreise. Ich nehme schnell einen Schluck, um das Zittern meiner Hand zu verbergen. Die andere liegt fest und heiß auf der Küchenanrichte. „Ja, sehr gerne sogar“, antwortet er. Er steht mit genug Abstand zu mir, dass ich mich nicht weg bewegen muss, aber dennoch zu nah. Sein Blick ist nach wie vor eindringlicher als alles hier. In seiner Stimme schwingt ein leichter Akzent nach, südamerikanisch.
„Ich schreibe Romane und für mehrere Serien Drehbücher, für Netflix und Prime habe ich jeweils eine Serie mit entwickelt. Sagt Dir „Kill my darlings“ was?“ „Oh ja, die mag ich sehr gern. Schön, die Autorin kennenzulernen“, antwortet er. Meint er das ernst? Meine Schwester hat noch nie eine Serie von mir gesehen. Es scheint mir absurd, dass er meine Arbeit kennt.
„Danke. Woher kennst Du Vivienne?“, frage ich. „Aus eurer Firma. Ich bin Agent für Architekten, ich vermittele sie an Baufirmen wie Eure“, antwortet er. „Mein Büro ist in Chicago, aber ich überlege, in die Twin Cities umzusiedeln.“ „Nach Minneapolis-Saint Paul? Ich würde in Chicago bleiben, unsere Twin Cities sind doch sehr provinziell.“ Er lacht, Grübchen zeichnen sich auf seinen Wangen ab und lassen ihn weniger düster als vorhin erscheinen. „Ich würde vor allem die Pizza in Chicago vermissen, aber sonst nichts. Ein bisschen mehr Ruhe vom Großstadtdschungel“, sagt er und mir kommt ein beunruhigender Gedanke. „Du willst doch nicht mit Viv zusammenziehen?“, rutscht es mir heraus, bevor ich mich stoppen kann. „Oh nein“, sagt er weiter lachend, „das hast Du falsch verstanden. Wir sind kein Paar.“ Ich werde rot. „Na ja, da habe ich wohl zu viel in euer Auftreten hinein interpretiert. Ihr habt auch nicht gesagt, dass ihr zusammen seid.“
Ich fange an zu plappern und bin gar nicht mehr das selbstbeherrschte Ich, das ich kenne. Er bringt mich aus der Fassung. Irgendwas irritiert mich an ihm. Ich kenne ihn, obwohl das nicht sein kann. Er scheint das nicht zu merken. „Noch Wein? Der schmeckt übrigens hervorragend. Ich muss auch unbedingt mal nach Spanien“, sagt er, während er mir und sich selbst nachschenkt. „Um das Rätsel zu lösen, ich entschuldige mich dafür, uneingeladen hierher gekommen zu sein. Ich wollte unbedingt das Haus Eures Vaters sehen, sein einziges privates Objekt. Ich kenne nur seine Auftragsarbeiten, die mich schon seit Jahrzehnten faszinieren. Bislang habe noch keinen Architekten kennengelernt, der so perfekt das Zusammenspiel von Licht, Leichtigkeit und schwerer Bausubstanz beherrscht. Und dieses Haus hier ist die Krönung seiner Schöpfung“, schwärmt Julien.
Obwohl ich schon diverse Lobeshymnen auf meinen Vater und seine Arbeit gehört habe, während er noch lebte und posthum, wirken Juliens Worte ehrlich bewundernd, als habe er meinen Vater gekannt. Er ist einer der wenigen Menschen, die ich bislang getroffen habe, die sich nicht bei mir einschmeicheln wollen, um das Wohlwollen meiner Familie zu erheischen. „Und lass mich raten: Vivenne war schnell damit einverstanden, dass Du den Fahrer spielst“, sage ich leicht schnippisch. Er lächelt erneut. „Na klar“, und prostet mir zu. „Damit ist aber leider nach diesem Glas Schluss. Vielleicht verrätst Du mir, wo du den Wein her hast?“ „Wenn was übrig bleibt, schicke ich dir eine Flasche ins Büro.“ Ich nehme einen Schluck und horche kurz in mich hinein. Erstaunlich, ich fange an, mit ihm zu flirten. Das ist mir weiß Gott lange nicht passiert. Und es hält auch nicht lange an, ein Produzent betritt die Küche und nimmt mich in Beschlag.
Während ich im Wohnzimmer umringt von einigen Produzenten und Agenten stehe, die neue Serienentwürfe diskutieren, verfolge ich aus den Augenwinkeln, was meine Geschwister so treiben. Mary ist erst beim zweiten Glas angekommen, sie lauscht verzückt den Worten ihres Mannes, der vor einer kleinen Gruppe über Neubaugebiete in Minneapolis referiert. Vivenne ist ebenfalls umringt von einer kleinen Traube Menschen, die ihr dabei zuhören, wie sie ein neues Wellness-Zentrum an einem nahe gelegenen See plant.
Vivenne und Vincent sind der Vorstand der Firma unseres Vaters, ich bin stille Teilhaberin. Normalerweise beschäftige ich mich nicht damit, was die beiden bauen lassen wollen, aber ich habe einen kleinen Maulwurf in der Firma, der mir sagt, wenn die beiden sich in der Natur zu schaffen machen wollen. Vincents Sekretärin war die Sekretärin meines Vaters und vertraut Vincent nicht. Daher schreibt sie mir von ihrer privaten Mailadresse, wenn etwas nicht so läuft, wie Vater es gern gehabt hätte.
Er hat immer versucht, Gebäude im Einklang mit ihrer Umgebung zu bauen, altes zu restaurieren und zu modernisieren, Neues harmonisch einzufügen. Viv und Vincent hingegen tun alles, sobald jemand mit einem dicken Scheck winkt. Das Wellness-Zentrum ist eine dieser Eingebungen von ihr. Ich werde sie nicht überstimmen können, es nicht zu bauen, falls Vincent auf ihrer Seite ist, aber ich kann ihr den Bau sehr erschweren. Normalerweise gehen sie auf meine Änderungsvorschläge ein, denn sie haben keine Lust, sich mit der Presse und den Naturschützern herumzuschlagen, die ich in Marsch setzen kann. Doch manchmal juckt es Viv, mich zu provozieren, so wie heute. Sieh her, sagt ihre Haltung, ich erzähle Deinen Kunden und Partnern von meinen Plänen, sie finden sie großartig, also mach sie nicht kaputt, wenn Du weiterhin gut mit ihnen auskommen willst.
Viv und ich beherrschen das Spiel der Manipulation ziemlich gut und sie wird leider von Jahr zu Jahr besser – und vor allem skrupelloser. Obwohl wir weit von korrupten Städten wie Chicago entfernt sind, ist die Baubranche in Minnesota auch nicht frei von Bestechung und illegalen Vorhaben. Und leider war auch Vater nicht frei davon.
Ich atme tief durch, merke, dass ich den Faden der Diskussion verloren habe und entscheide, dass ich frische Luft brauche. Ich nehme meine Strickjacke, die ich über einen meiner Sessel gelegt hatte, öffne die Terrassentür und gehe ein paar Schritte Richtung Wald. Die Holzterrasse ist umringt von kleinen Lampen, die ein bisschen Licht in den bereits sehr dunklen Abend bringen. Von den Sesseln dringt leises Lachen an meine Ohren, trotz der Kälte amüsieren sich meine Gäste hier draußen. Eigentlich ist es schön, dieses Haus mit so viel Leben zu füllen. Für meine Familie war es ein Wochenendhaus, und das klingt jetzt so, als hätte ich viele schöne Erinnerungen an Ausflüge mit meiner Familie hierher. Aber an viel erinnere ich mich nicht.
Es war eher ein Rückzugsort für meinen Vater von der Hektik der Großstadt. Unser richtiges Zuhause war ein Loft in Minneapolis, in einem Bürotower, den mein Vater entworfen und in dem er meistens auch gearbeitet hatte. Wenn ihm die Ideen ausgingen, nahm er uns alle mit hierher, verbarrikadierte sich in seinem Büro im ersten Stock mit phantastischer Aussicht auf den Wald und hoffte, dass die Natur uns beschäftigen würde.
Meine Mutter läutete die Cocktailstunde hier auf dem Land noch früher ein als sonst, lag auf dem teuren Ledersofa und telefonierte mit wer weiß wem. Vincent trainierte im Wald und in dem angrenzenden See für Schwimmmeisterschaften, Vivienne lernte Modezeitschriften auswendig und ich lag in meinem Zimmer und las. Wir waren alle an einem Ort und waren doch nicht miteinander hier. Die Intention meiner Eltern, uns durch Vornamen, die alle mit einem V beginnen, aneinander zu schweißen, funktionierte nicht. Wir drei hatten nicht viel mehr gemeinsam als unsere Abstammung. Wir stritten nicht einmal miteinander wie andere Geschwister, wir gingen uns einfach aus dem Weg.
Während Viv und Vincent das Aussehen meiner Mutter geerbt hatten, ihre blonde und hellhäutige Attraktivität, geriet ich nach meinem Vater mit hellbraunen Haaren und dunklen Augen. Auch vom Gemüt her passten wir bestens zusammen. Nie ein Wort zu viel, wenig emotionale Regung, viel Stille.
Dass mein Vater an diesen Wesenszügen schwer zu tragen hatte, wurde mir erst jetzt als Erwachsene bewusst. Sein Mangel an gezeigter Liebe war eine Folge seiner lieblosen Kindheit, doch obwohl ich dafür jetzt Verständnis hatte, verzieh ich ihm das nie. Mein Streben nach seiner Anerkennung war jahrelang mein einziger Antrieb, überhaupt aufzustehen und meinen Schulabschluss zu machen. Als ich merkte, dass ich kein Talent für die Architektur und das Bauwesen habe, fiel es mir schwer, mich zu entscheiden, was ich tun sollte mit diesem Leben. Als ich mich entschloss, Drehbuchautorin zu werden, kam aber auch nicht der erwartete Aufschrei meiner Eltern. Kein: Kind, mach was Ordentliches! Sondern nur weiterhin Gleichgültigkeit.
Die einzigen Momente, in denen mein Vater mich wirklich sah, waren die dunklen Nächte hier. Jede Nacht ging er hinaus, um eine Zigarette zu rauchen, niemals mehr, einen Scotch zu trinken und in den Wald zu starren. Als ich ihn das erste Mal so sah, fragte ich mich, was er zu sehen erhoffte. Später wurde mir klar, dass er sah, was niemand wahrnimmt, wenn man in den dunklen Wald starrt: winzige Lichtscheine auf den Blättern, gespiegeltes Mondlicht und eine Klarheit, die es nur hier draußen gibt. Deshalb hatte er das Haus im Wald gebaut: Hier hatte er die Klarheit der Natur, denn die verstand er, die konnte er abbilden in seinen Entwürfen.
Die Menschen, vor allem die in seiner Umgebung, waren viel zu kompliziert für ihn. Und er sah die Freiheit, etwas, das er sich nie genommen hatte, die Freiheit zu tun, was er wollte. Ich glaube, eigentlich steckte eine viel verrücktere Künstlerseele in ihm, ein extravaganter Mann mit großen Träumen. Die Architektur war nur ein Kompromiss, wenn auch ein sehr einträglicher. Vielleicht wäre er ein viel besserer Bildhauer geworden oder Maler, einer der wirklich großen. Doch das Leben hatte ihn niedergedrückt.
Ich ging dazu über, jede Nacht mit ihm draußen auf der Terrasse zu verbringen. Wir redeten nicht, sahen nur in die Stille und genossen es, jemanden zu haben, der einen zumindest ein bisschen verstand. Deshalb war dieses Haus mein Zuhause. Der einzige Ort, der je das Gefühl der Geborgenheit in mir ausgelöst hatte.
Deshalb war ich auch
die einzige von uns, die am Ende des Jahres Briefe von Vater bekam.
Das war einer von zwei Gründen. In den Briefen, die er Jahre vor
seinem Tod vor drei Jahren vorgeschrieben haben musste, schrieb er
nicht viel Persönliches. Er blickte auf die Vergangenheit zurück,
erinnerte sich an unsere Nächte und sprach schließlich etwas
Unaussprechliches aus, das meine Zukunft zu einem gerechteren Ort
machte. Deshalb mochte ich die Briefe viel mehr als seine materiellen
Geschenke, aber auch, weil sie Viv und Vincent eifersüchtig machten.
„Ist es dir nicht viel zu kalt hier draußen?“ Ich schrecke so stark zusammen, dass ich mein Weinglas nur mit Mühe festhalten kann. Ich drehe mich um. „Dafür, dass du alleine hier draußen lebst, bist du sehr schreckhaft“, sagt Julien lachend. „Wie schaffst du es, dass dich die Geräusche des Waldes nicht erschrecken?“ „Daran bin ich gewöhnt, aber nicht an Menschen, die sich an mich heran schleichen“, antworte ich, bemüht, meinen Herzschlag zu verlangsamen. Julien geht ein paar Schritte auf die Terrasse zurück zu einem Tisch, auf dem einige Weinflaschen stehen, kommt zurück und schenkt mir nach. Ich nehme einen großen Schluck und sehne mich plötzlich nach einem Scotch. Eine Flasche von Vater steht in der Bar im Wohnzimmer, ein letztes Relikt, ungeöffnet. Vielleicht ist heute der richtige Abend, das zu ändern.
„Nein, im Ernst,
ist es nicht unheimlich hier draußen so allein?“ Ich drehe mich
wieder um und blicke in den Wald. Schwach sind zwischen den Bäumen
helle Flecken am Boden zu erkennen. Ich beruhige mich und zeige sie
Julien. Drei sind von hier aus zu sehen, die anderen beiden sind
weiter vorne, weit genug weg von den Autos und damit von den Gästen,
aber nah genug, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen. „Siehst du die
hellen Flecken? Das sind Sam, Dean und Bobby, vorne leben noch Meg
und Jody.“ Er blickt mich ratlos an. „Das sind Kuvasz,
Herdenschutzhunde. Jeder wiegt um die 60 Kilo, sie sehen träge aus,
bewachen aber das Haus und mich.“ „Vor Wölfen und Bären?“
„Eher vor Menschen. Bei dieser großen Gesellschaft ziehen sie sich
etwas in den Wald zurück, dort gibt es einen Zaun, der sie vom Haus
heute Abend fernhält. Aber meine Gäste wissen auch, dass sie dort
nicht hingehen sollten. Sie können recht besitzergreifend sein und
reagieren auf Fremde feindselig.“ „Und heute Abend brauchst Du
ihren Schutz nicht?“ Julien sieht mich an, die Grübchen sind
verschwunden, als wären sie nie da gewesen. Seine schwarze Kleidung
lässt seine Konturen im Dunkeln verschwimmen, sein bleiches Gesicht
wird von den Lampen angestrahlt und wirkt wieder gespenstisch. Ich
versuche, meinem Blick so viel Überzeugung zu verleihen, wie es mir
möglich ist. „Nein, heute Abend nicht. Was soll inmitten dieser
großen Gesellschaft schon passieren?“ „Hast Du Dir deshalb den
Abend heute dafür ausgesucht?“ Ich erstarre.
„Vic, meine Liebe“, säuselt Vivienne hörbar angetrunken und gelangweilt von meinen Gästen, von denen keiner bereit scheint, ihren Avancen zu erliegen. „Vic, ich glaube, Mary muss bald nach Hause.“ Über Juliens Schulter hinweg sehe ich, wie Mary lacht und obwohl ich es nicht höre, weiß ich, wie dreckig ihr Lachen jetzt klingt. Das Fluchen ist nur noch wenige Schlucke Wein entfernt. Hinter Viv steht Vincent, er sieht ein bisschen verwirrt aus.
Ich schaue Julien an und versuche mich zu fangen. „Vic, Du wolltest doch noch etwas mit uns besprechen, wenn ich mich recht erinnere?“, drängt Vincent ungeduldig. Julien sieht mich weiter herausfordernd an. Ich überlege schnell, ob es wirklich ein Fehler war, meine Hunde auszusperren. Aber sie jetzt hierher holen kann ich auch nicht. Ich gehe also weiter wie geplant vor. „Julien, entschuldige uns bitte, wir müssen etwas besprechen“, sage ich, während ich an ihm vorbei gehe. Dabei fällt mein Blick auf die halbleere Flasche Wein, die er in der linken Hand hält. Er ist Linkshänder, fällt mir jetzt erst auf. An was erinnert mich das? Ich denke fieberhaft nach, merke, wie mir wieder warm wird, unangenehm heiß, ich beginne zu schwitzen. Kurz bevor ich an Julien vorbei bin, sehe ich an der Flasche Wein weiter herunter und bleibe an seinem Hosenbein hängen. Die Hose ist untypisch für die Männermode, sie ist nicht eng, sondern weiter, dennoch zeichnet sich am linken Unterschenkel etwas unter der Hose ab. Bevor ich herausfinde, was es ist, bewegt Julien sich zur Seite, er macht Anstalten, mir zu folgen.
„Wir gehen in
Vaters Arbeitszimmer, da sind wir ungestört“, sage ich an Viv und
Vincent gewandt. Und in der Hoffnung, Julien klarzumachen, dass die
Unterhaltung privat ist, in der Hoffnung, ihn abzuschütteln. Obwohl
sein Verhalten in den letzten Minuten merkwürdig war, habe ich keine
Angst vor ihm. Doch vielleicht sollte ich das? Er scheint etwas zu
wissen, was niemand wissen kann.
In unserem Tower in den Twin Cities war man nie ungestört, immer wuselten Menschen herum. Die Security und der Concierge vermittelten ein vages Gefühl von Sicherheit und eigentlich war es schön, in der Masse unterzutauchen. Doch oftmals wurde mir das Leben in der Stadt zu viel. Manchmal sehnte ich mich nach der Ruhe im Wald. Als ich Juliens linke Hand bemerkt habe, blitzt eine Erinnerung in mir auf: Eine linke Hand, die meinem Vater auf den Arm klopft, eine linke Hand, die den Fahrstuhl aufhält, als ich irritiert stehenbleibe, weil ein fremder Mann aus unserer Wohnung im Tower kommt. Ein flüchtiges Lächeln, ein Hosenbein, das sich leicht ausbeult, als er sein Bein in die Fahrstuhltür klemmt. Wieso kannte Julien meinen Vater? Und wieso erinnere ich mich auf einmal an das Gefühl, beobachtet zu werden in den Twin Cities? Ich streifte oft ziellos durch die Stadt, wenn mir die Wohnung zu eng wurde. Aber wahrscheinlich war ich nie wirklich alleine.
Wir drei gehen durch das Wohnzimmer, in den Flur, die Treppe hoch zu Vaters Zimmer. Dieses Haus ist dank der Fenster und der großen Räume lichtdurchflutet, aber auch, weil es keine Türen gibt. Das verfluche ich jetzt. Unterhalten wir uns oben, wird unten keiner was hören, die Gespräche sind noch in vollem Gange. Steht aber jemand auf der Treppe, bekommt er alles mit. Und das ist genau dort, wo Julien jetzt stehenbleibt. Mein irritierter Blick hält ihn nicht davon ab, sich betont lässig gegen das Geländer zu lehnen, den anderen beiden fällt das nicht auf. Sie müssen sich der lästigen Pflicht ergeben, mit mir zu reden, das lenkt sie genug ab.
Im Arbeitszimmer, das wie ein Mausoleum für Vater ist mit seinen Skizzen, Notizen und Ordnern, die ich nie weggeräumt habe, gehe ich zum Schreibtisch, der vor den bodentiefen Fenstern steht. Ich schließe die Schubladen mit einem Schlüssel auf, der den ganzen Abend in der Tasche meines Kleides verborgen war. Den ich den ganzen Abend dort gespürt habe und meinte, er würde sich noch durch den Stoff brennen angesichts des Geheimnisses, das er verschließt. Ich breite die Dokumente und Vaters drei Briefe auf dem Schreibtisch aus. Ich stelle mich vor meine Geschwister, die ungeduldig auf die Blätter starren.
„Ab sofort ist Schluss mit dieser Farce“, sage ich, meine Stimme zittert. Schnell greife ich nach dem Weinglas, nehme den letzten Schluck und fahre fort. „Ab sofort werden wir uns nicht mehr sehen, keine Feste mehr, und ihr bekommt nichts mehr von Vaters Vermächtnis.“ Vincent runzelt die Stirn, Vivienne wankt auf ihren Stöckelschuhen. „Vic, was soll das denn jetzt?“ Verärgert kommt Vincent auf mich zu. „Was ist das alles?“
„Das sind die Beweise, dass ihr nicht die Kinder meines Vaters seid und kein Recht auf sein Erbe habt“, sage ich mit annähernd fester Stimme. So, jetzt ist es raus. Vivienne fängt an zu kichern. „Ach Vic, das hier ist doch keine deiner Soaps“, sagt sie verächtlich. „Du warst wohl zu viel alleine hier mit deinen Gedanken.“ Ihr Kichern wird lauter.
Vincent hingegen beugt sich über die Dokumente, nimmt eines hoch. Seine große Gestalt wirkt auf einmal kleiner, er zittert. „Woher hast du das alles?“ „Im Gegensatz zu euch habe ich Vaters Erbe gut angelegt: einen kleinen Teil gespendet, einen großen Teil in Nachforschungen investiert.“ Ich gehe zum Schreibtisch und nehme einen seiner Briefe. „In seinem ersten Brief an mich äußert er die Vermutung, dass ihr nicht seine Kinder seid. Ihm war klar, dass Mutter nicht glücklich mit ihm war, dass sie Affären hatte. Aber er dachte, das sei erst geschehen, als wir schon älter waren. Also stellte auch er Nachforschungen an. Wir beide sind Kontrollfreaks, wir wollen wissen, was die Menschen in unserer Umgebung machen, wenn wir es schon nicht verstehen.“
Ich stelle mich vor Vincent. Seine Größe wirkt nun weniger einschüchternd als als Kind. Vivienne lässt sich in einen Stuhl fallen, sie wirkt entsetzt. Vincent starrt mich an. „Es gab da einen Mann, John, er war blond, groß, gutaussehend und Politiker. Verheiratet und mit einem Faible für Mutter. Eine jahrzehntelange Affäre, sie trennten sich oft, aber niemals von ihren Partnern. Eine Hassliebe. Mit zwei Ergebnissen. Dass das geheim bleiben musste, ist klar. Erinnert ihr euch an Mutter kurz vor ihrem Tod? Auf mich wirkte sie damals voller Reue, etwas, das ich nicht an ihr kannte. Und sie versuchte oft, mit mir zu sprechen, nachdem sie mich jahrelang ignoriert hatte. Aber ich hörte ihr nicht zu. Ich dachte, der Krebs hatte sie verrückt gemacht“, setze ich gehässig nach.
Aus Vincent entweicht die Luft wie aus einem Ballon, er wirkt schlaff. „Du hast das gewusst“, sage ich zu ihm. Vivienne atmet scharf ein. „Wie kannst du das nur sagen? Warum sollte er das wissen? Warum sollte das überhaupt wahr sein?“, keift sie. Laut genug, dass Julien sie hört. „Ich glaube dir kein Wort. Du bist ein missgünstiges… Miststück!“ Sie wird lauter. Ich sehe sie an. „Keine Sorge. Ich will eure Firma nicht. Ich will euer Geld nicht. Ich weiß, dass es schlecht um die Firma steht, das kommt davon, wenn man so viel in die eigene Tasche wirtschaftet. Verkauft sie einfach und verschwindet von hier. Das ist das beste, das ihr machen könnt, ohne dass ich euch in einen Skandal stürze.“
Ich drohe ihnen, das ist ein Wesenszug, der mir bislang fremd war. Aber es kommt alles hoch. Die lieblose Kindheit, die Jugend im Schatten von Viviennes Strahlkraft auf Jungen, die Dominanz von Vincents Präsenz. Er, der an Familienabenden redet, mit seinen Errungenschaften protzt, der die perfekte Familie vorweisen kann. Vivienne, das Lebemädchen, das jeden und alles bekommt. Ich bade mich im Selbstmitleid, obwohl ich weiß, dass ich mein Leben selbst in der Hand hatte. Ich habe es mir von ihnen wegnehmen lassen. Ich habe zugesehen. Gelähmt von der Lieblosigkeit, geschwächt vom mangelnden Zuspruch. Damit ist jetzt Schluss.
Ich nehme die restlichen Dokumente vom Schreibtisch, Beweisfotos, die Vater hatte anfertigen lassen von Mutter und John. Beweise, die Vater erst kurz vor seinem Herzinfarkt bekam, danach war er nicht mehr in der Lage, sein Testament zu ändern. Ich wedele damit vor Vincents Gesicht herum, das langsam die Fassung verliert. „Verschwindet aus meinem Leben!“
Vincent starrt mich an und reißt mir die Beweise aus der Hand. „Ich lasse mich doch nicht von dir erpressen! Du wirst noch sehen, mit wem du dich hier anlegst. Ich habe…“, weiter kommt er nicht. Julien steht in der Tür, genauso lässig wie vorhin am Geländer. Kurz blitzen die Grübchen auf, als er in meine Richtung lächelt. „Ich denke, wir fahren jetzt“, sagt er zu Vincent. Dem ist alle Höflichkeit abhanden gekommen. „Verschwinde, das hier ist privat“, knurrt er, ohne Julien eines Blickes zu würdigen. „Vincent“, ruft Viv. „Halt die Klappe!“, fährt er sie an. Ich blicke an Vincent vorbei auf Julien. Vincent sieht meinen Blick und dreht sich um. Jetzt erkenne ich, was sich unter Juliens Hose abgezeichnet hat. Die Waffe sieht klein aus in seiner Hand, unwirklich, und obwohl ich keine Ahnung davon habe, erkenne ich den Schalldämpfer auf dem Lauf. „Doch, ihr solltet jetzt fahren. Ich denke, Vincent, Du bist dazu noch in der Lage“, sagt Julien ruhiger, als es der Situation angemessen ist.
Ich schreibe
Drehbücher für Serien. Ich sehe mir sehr viele Serien an und
genauso viele Filme. Das hier wirkt wie eine Szene aus einem dieser
Filme, bei denen ich auf dem Sofa einschlafe. Aber das ist die erste
Szene heute Abend, die einen wirklichen Sinn für mich ergibt.
Julien, wie er durch die türlose Öffnung in das Wohnzimmer kommt.
Wie er in der Küche steht und mir lächelnd Wein nachschenkt. Wie er
auf der Beerdigung meines Vaters am Rande des Urnengrabes steht, als
alle weggegangen sind und ihn niemand mehr sieht außer ich. Wie er
auf den Fahrstuhl wartet, der ihn nach oben in das Büro meines
Vaters bringt, auf den Fahrstuhl, aus dem ich aussteige, zu einer
ungewöhnlich frühen Zeit. Die Puzzleteile, die ich in den letzten
Monaten zusammengetragen habe, werden zu einem Bild. Das geht so
schnell, dass mir schwindelig wird. Oder ist das der Wein? Ich halte
mich am Schreibtisch fest.
Vincent schaut mich an. „Ja, wir gehen jetzt. Aber wir werden morgen darüber reden“, droht er mir. Er zerrt Vivienne aus dem Stuhl hoch und poltert die Treppe hinunter.
Julien steckt die Waffe wieder weg, zupft sein Hosenbein zurecht und sieht mich entschuldigend an. „Ich dachte, du hast mich früher erkannt. Immerhin habe ich mir Mühe gegeben, mich dir oft zu zeigen.“ „Nein, ich war zu beschäftigt mit dem, was ich herausgefunden habe. Du bist der Detektiv, den Vater angeheuert hat? Vor zehn Jahren schon? So lange kanntet ihr euch?“ Julien nickt. „Wobei, Detektiv trifft es nicht wirklich, oder?“ Er erspart sich das Nicken. „Scheiße.“ Kurz stockt mir der Atem. „Tust du mir einen Gefallen? Unten in der Bar steht eine Flasche Scotch. Macallan, Jahrgang 78.“ Ich muss nicht weiter reden, Julien geht bereits aus dem Zimmer. Ich sehe auf den Wald und atme langsam aus.
Meine Hand mit dem teuren Scotch zittert, er schmeckt hervorragend. Auch wenn ich das erste Glas schnell geleert habe, weiß ich ihn zu schätzen. „Also, du hast alles über die Affäre meiner Mutter herausgefunden“, sage ich zu Julien, er schaut mich undurchdringlich an. „Mehr als das. Ich sollte auch ein Auge auf euch haben. Vincent hat sich auf ein paar Geschäfte eingelassen, die er besser hätte sein lassen. Und Vivienne ist ein paar Leuten in der Drogenszene zu nahe gekommen. Vincent ist auch nicht so dumm, wie er aussieht, er hatte ebenfalls alles über die Affäre herausgefunden, aber gehofft, dass dein Vater alles geheim hält. Dein Vater war, nun ja, sehr darauf bedacht, was alle anderen von ihm halten. Vincent hatte darauf spekuliert, dass er das Geheimnis mit in sein Grab nimmt, um seinen Ruf nicht aufs Spiel zu setzen.“
Er geht zum Fenster und sieht hinaus. Seine Haltung ist selbstbewusst, aber er strahlt eine Traurigkeit aus, die nicht zu seinem Job passt. Die Gespräche unten sind in all der Zeit nicht verstummt, aber ich wünschte mir jetzt, ich wäre alleine. Mein Kopf brummt. Vor allem, als mir ein neuer Gedanke kommt. „Wie wollten sie es machen?“ Julien dreht sich um. Er sieht noch trauriger aus.
„Ich vermute, du hättest in den nächsten Tagen Besuch bekommen. Selbstmord wäre eine logische Lösung gewesen.“ Es stimmt, meine Geschwister, Halbgeschwister, wollten mich umbringen lassen. „War Viv involviert?“ „Nein, das war Vincents Idee. Er hat dafür auch genug Kontakte.“ „Also bin ich ihnen zuvorgekommen? Du… bist ihnen zuvorgekommen?“ „Ja.“ Er dreht sich wieder um.
Nachdem ich wieder unten bin, fangen die Gäste an, sich zu verabschieden. Ich werde in weinselige Umarmungen gezwungen, es werden Versprechungen gemacht, die nächste Feier muss bald kommen! Und ich bleibe im Chaos zurück.
Wie ein Schatten ist Julien geblieben. Nachdem alle weg sind, die Servicekräfte habe ich gezwungen zu gehen, aufgeräumt wird später, gehe ich in den Wald und lasse meine Hunde wieder hinein. Sie begrüßen mich, hellwach, aber nicht stürmisch, gehen bedacht mit mir um, als wäre ich so zerbrechlich, wie ich mich fühle. Ich gehe in die Hocke, vergrabe mein Gesicht in ihrem hellweißen Fell, bevor sie ihrer Wege gehen, Position beziehen. Und auf einmal fühle ich mich frei.
Ich sitze in der
Unordnung der Feier und trinke mein drittes Glas Scotch. Ich werde
morgen einen Kater haben, nein, heute, es ist nach zwei Uhr nachts,
und ich werde ihn nicht auskurieren können. Heute ist Sonntag, ein
Ruhetag, aber es kommen Möbelpacker, die meine Sessel und Sofas
entsorgen. Morgen, Montag geht die Renovierung los, das Arbeitszimmer
wird ausgeräumt, die Möbel werden so hell und passend wie die
Architektur des Hauses. Das Alte wird neu. Und ich?
Julien sitzt mir gegenüber, er passt nicht in diese plüschigen Sessel. Er verschwindet fast in seinem, aber das ist eigentlich auch sein Job, zu verschwinden, unsichtbar zu sein. „Dein Vater hat mir genug gezahlt, um dich weiterhin…“ Er spricht nicht weiter, sieht mich erwartungsvoll an. „Zu beschützen? Ganz ehrlich, das ist ziemlich überheblich“, antworte ich spöttisch. Ist das der Scotch, der aus mir spricht? Er sieht verärgert aus. „Entschuldige, aber ich muss nicht beschützt werden. Ich bin dir dankbar, dass du … mich unterstützt hast. Aber ich komme alleine klar. Das bin ich immer“, füge ich hinzu, selbstbewusster, als ich mich gerade fühle. Stimmt das? Oder lerne ich das gerade erst, alleine klar zu kommen?
Julien lehnt sich in dem Sessel vor. „Natürlich tust du das. Aber, sagen wir so, ich kümmere mich um die Dinge, um die du dich nicht kümmern solltest. Also, na ja, von denen du keine Ahnung hast.“ Ein Lächeln. „Soll ich dir noch was sagen? Du siehst lächerlich in dem Sessel aus.“ Ich fange an zu lachen. „Jeder sieht in diesen verdammten Sesseln lächerlich aus. Ich weiß nicht, warum ich sie überhaupt habe, außer, um die Schönheit dieses Hauses ein bisschen verblassen zu lassen.“ Fast bleibt mir mein Lachen im Hals stecken. War das so? War mein bisheriges Leben ein Versuch, das Vermächtnis meines Vaters kleiner erscheinen zu lassen? Ihn kleiner erscheinen zu lassen? Und mich größer?
Ich stelle das Glas weg. „Tut mir leid, der Scotch bringt absurde Gedanken in mir hervor.“ Julien sieht mich erwartungsvoll an. „Ich fand es schön, dass er dich zum Lachen gebracht hat.“ Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich muss daran denken, dass er mich beobachtet. Seit Jahren. Viel mehr von mir weiß als jeder andere. Das ist mir zu viel Nähe. Und es ist auch gruselig.
„Ich muss mich jetzt hinlegen. Die Möbelpacker kommen um zehn, später ging nicht. Um zwölf muss ich los. Du hast kein Auto hier, soll ich dich mit in die Stadt nehmen?“ „Ja, ich muss auch zum Flughafen“, antwortet Julien. „Wohnst du wirklich in Chicago?“, frage ich als letzten Versuch, ihm etwas Persönliches zu entlocken. „Auch“, sagt er lächelnd.
Nach einem unruhigen
Schlaf frühstücken wir im Chaos der Küche Tapas von gestern Abend,
am nächsten Tag schmecken sie immer besser. Die Möbelpacker räumen
geräuschvoll das Wohnzimmer aus, später kommt Angela mit einem
Trupp Reinigungskräfte. Angela habe ich meinen Schlüssel anvertraut
sowie die Pflege meiner Hunde. Mein Koffer ist bereits gepackt, aber
ich brauche nicht viel. Julien und ich reden kaum auf der Fahrt zum
Flughafen, was soll ich zu jemandem sagen, der mich genau kennt, ich
ihn aber nicht? Mir fallen keine wichtigen Fragen ein, denn
eigentlich will ich nichts Genaues über ihn wissen. Obwohl, eine
Frage habe ich schon. Doch ob er jemanden umgebracht hat, traue ich
mich nicht zu fragen.
Der Anruf kam um
halb acht und weckte mich aus meinem unruhigen Schlaf. Ich hatte
immer erwartet, dass die Polizisten persönlich vorbeikommen, aber
diese Vorstellung war wohl auch meinem TV-Konsum geschuldet. „Es
tut uns sehr Leid, Miss McKenzie“, so fangen schlechte Nachrichten
an. Mir tat es vor allem für meine Nichte und meine Neffen leid,
aber ich glaube, sie sind robust genug, um den Verlust ihrer Eltern
zu verschmerzen. Vielleicht war ihr Tod sogar ein Segen.
Vincent soll
abgelenkt gewesen sein, vielleicht erschrocken, vielleicht war es ein
Reh, das die Straße kreuzte, vielleicht war er doch zu betrunken.
Das Auto prallte frontal gegen einen Baum, es ging in Flammen auf,
alle drei waren sofort tot. So die offizielle Version.
Julien war den ganzen Abend, die ganze Nacht, ohne Hintergedanken, bei mir, also was konnte er schon damit zu tun haben? Es war Viviennes Auto, wäre es manipuliert gewesen, wäre es schon auf dem Weg zu meiner Feier passiert. Es war ein Unfall, Schicksal vielleicht. Das redete ich mir ein.
Auf dem Flughafen verabschiede ich mich von Julien. „Du hast noch gar nicht erzählt, wohin die Reise geht“, sagt er, als er meinen Koffer auf einem Gepäckwagen platziert. Ich könnte ihn auch tragen, ich habe nicht viel darin verstaut. „Ich fand es komisch, dass ich so viel im Ausland war, aber kaum in Amerika unterwegs. Ich wollte schon immer mal nach San Francisco und L.A., ein bisschen Geld verprassen in Las Vegas und entspannen am Strand von San Diego. Ich werde mir in L.A. ein Auto mieten und einen kleinen Roadtrip machen.“ „Du warst noch nie in L.A.?“, fragt er ungläubig. „Nein“, antworte ich lachend, „auf die wirklich coolen Parties in Hollywood wurde ich noch nie eingeladen. Und Du, zurück nach Chicago?“
Er sieht mich an und plötzlich wirkt er fast fröhlich. „Ich war noch nie in San Diego. Vielleicht sehen wir uns dort.“ Er dreht sich um, steigt in mein Auto, das Angela am ehemaligen Büro später meines Vater abholen soll, schaut noch kurz in den Rückspiegel und fährt weg. Ich sehe ihm nach, bis er auf dem Highway verschwunden ist und genieße dann noch kurz die Skyline der Twin Cities. Dann drehe ich mich um und gehe in den Flughafen. Alles auf Anfang, mit nur ein bisschen Gepäck auf dem Rücken.