Waten durch den Sumpf oder wie erschöpft kann man eigentlich sein?

Eine Freundin hat vor langer Zeit mal zu mir gesagt: „Du bist ja eher so der phlegmatische Typ.“

„[aufgrund der Veranlagung] nur schwer zu erregen und kaum zu irgendwelchen Aktivitäten zu bewegen; träge, schwerfällig“ (schreibt der Duden dazu)

Daran muss ich seit Kurzem wieder denken und frage mich, ist das tatsächlich so? Klar, ich hüpfe nicht wie ein Duracell-Häschen durch die Gegend, meine Gedanken allerdings schon. Ich finde, das zählt.

Und da ist auch das Kernproblem: Zurzeit bin ich extrem erschöpft. So, als würde ich permanent durch ein Sumpfgebiet waten und meine Füße unter enormer Kraftanstrengung hochziehen. Mal klappt es, mal nicht. Das Paradoxe ist aber: Meine Gedanken sind alles andere als erschöpft, sie rennen durch meinen Kopf, als würden sie gleich einen Zug verpassen.

Und vielleicht bedingt das eine das andere. Denn was ist zuerst da: Die psychische Erschöpfung oder die physische? Ich kann das nicht trennen. Aber ich glaube, dass mein ewiges Gedankenkarussell Auswirkungen auf meinen Körper hat, der sich dann eben weigert, aufzustehen.

Die Krux mit den Hormonen

Bereits vor einiger Zeit habe ich das Buch „Der Aufstand der Hormone“ von Dr. Aviva Romm gelesen und damit zum ersten Mal von den Nebennieren gehört. Dort wird das Hormon Cortisol produziert, das bei Stressreaktionen (psychischer Art, aber auch zum Beispiel ein Unfall oder eine Krankheit) ausgeschüttet wird, um dem Körper bei dieser Stressreaktion zu helfen (das ist jetzt meine laienhafte Kurzzusammenfassung). Steht man aber ständig unter Stress, erschöpfen die Nebennieren irgendwann und können nicht mehr so viel Cortisol produzieren. Als Folge gerät der gesamte Hormonhaushalt durcheinander.

Es gibt dann zahlreiche Symptome, unter anderem Müdigkeit und Erschöpfung. Fasziniert hat mich die Darstellung des Cortisolspiegels: Morgens sollte er ansteigen, damit man energiegeladen aufstehen kann, gegen Abend dann abflachen, damit man entspannt einschlafen kann. Ist die Produktion des Cortisols aber gestört, sieht die Kurve anders aus: Erst gegen Mittag gibt es das erste Hoch, nachmittags wieder ein Tief, abends ein Hoch und zack – Willkommen im Ich-kann-nicht-schlafen-Land.

Es gibt gute Nachrichten!

Die gute Nachricht dabei ist: Man kann selbst etwas dafür tun, dass es einem besser geht. Entspannungstechniken sind wichtig, um Stress abzubauen und gar nicht erst entstehen zu lassen, und gesunde Ernährung. Das Buch von Dr. Aviva Romm hat mich bei der Ernährung nicht so abgeholt, ihre Rezeptvorschläge gingen in Richtung Ayurveda, was mir einfach zu exotisch ist.

Das Buch von Dr. James L. Wilson „Grundlos erschöpft? Nebennieren-Schwäche – das Stresssyndrom des 21. Jahrhunderts“ fand ich da praxisnäher. Es geht um gesunde Fette, richtige Proteine, Bio-Gemüse und Nahrungsergänzungsmittel wie Kräuter und Adaptogene.

Während ich mir jetzt also selbst coole Microgreens (Kresse zum Beispiel, klingt aber nicht so cool) ziehe, denke ich weiter darüber nach, ob ich nun ein phlegmatischer Mensch bin. Ich finde das Wort recht negativ, sagen wir, ich bin ruhig, besonnen und kann durchaus mal einen Tag auf dem Sofa verbringen.

Moment, das war ich ja schon immer! Heißt das, ich hatte schon immer mit einer Nebennieren-Schwäche zu kämpfen?

Erkenntnisse

Ich erwähnte im letzten Post bereits, dass meine Reaktionsfähigkeit manchmal weit hinter dem Ereignis liegt und so verhält sich das auch mit meinen Erkenntnissen (blame it on the Nebenniere). Ein gutes Beispiel dafür ist die C-Krise: Während andere schon Fenster putzten, fragte ich mich noch, was ist da eigentlich los? Und während die halbe Republik jetzt ans Meer oder zurück ins Büro pilgert, frage ich mich, will ich mich als Asthmatiker dem Risiko von Menschenmengen und öffentlichen Verkehrsmitteln aussetzen? Eher nicht.

„Nur weil man jetzt wieder alles machen kann, heißt es nicht, dass man es auch machen sollte.“

Andererseits führt diese Selbstisolation dazu, dass ich mich daran gewöhne, nicht mehr so viele Termine zu haben, nicht mehr so viele Unternehmungen. Aber vielleicht war auch genau das schlecht in meinem Leben (und der viele Zucker). Denn nun habe ich mehr dringend benötigte Zeit für mich. Und kann mich sogar einer kleinen Online-Weiterbildung in Sachen Yoga widmen.

Bringt mich das voran? Ist das effektiv? Ist das sinnvoll? Keine Ahnung. Vielleicht nicht. Aber vielleicht ist das auch egal. (Diese Einstellung muss ich allerdings noch lernen. Wie erfolgreich das ist – gibt’s beim nächsten Mal.)

Good night and good luck!

Emotionaler Hunger oder Warum Kuchen leider keine Lösung ist

Was macht ein Kontrollfreak wie ich, wenn er nichts mehr kontrollieren kann?

Eine Frage, die mich seit der Krise umtreibt. Ich plane sehr gerne im Voraus, Urlaub, Feiern, Aktivitäten – damit ich zum einen etwas habe, auf das ich mich freue, und zum anderen, damit ich meine Zukunft unter Kontrolle habe. Klingt spießig und uncool, so unspontan zu sein, aber mir gibt es Halt in einer Welt, die sich zu rasant für mein Steinzeitgehirn verändert (Leseempfehlung: „Irren ist menschlich“). Ich komme da sonst nicht mit. Außerdem ist es schön, wenn ich einen schlechten Tag habe, mich auf etwas Schönes zu freuen, das in der Zukunft liegt.

Hin und wieder zurück – die Geschichte eines Urlaubs

Passt nicht zum Yoga und der Idee, im Moment zu leben und achtsam darauf zu schauen, was mich im Augenblick glücklich machen könnte. Egal. Kann nicht immer alles passen. Dann kam C – und alles, was mir in der Zukunft wichtig war, ist weg. Keine Reisen, keine Feiern, keine Auszeit – von 100 auf null ausgebremst. Dann kam zwei Wochen vor dem Urlaub die Nachricht, es ist doch wieder erlaubt! Dann zwei Tage vorher die Erkenntnis: Nicht nur C hindert einen daran, den Urlaub anzutreten, da sind dann noch die „normalen“ Probleme, die eine Verschiebung nötig machen.

Dieses emotionale Hin und Her der vergangenen Monate schlägt mir schwer aufs Gemüt. Ich kann wochenlang nichts abschließen – mich nicht auf etwas freuen oder mich damit abfinden, dass es nicht stattfinden kann. Dieser fehlende Abschluss oder auch der sich lange hinziehende Prozess zum Abschluss treibt mich um. Klar, das ist auch schon vor C passiert, aber nicht in dieser geballten Form. Und meine Überlebensstrategie – Planung – wird nun zur Lebensfalle.

Ich kann mich und meinen kleinen Kontrollfreak nicht innerhalb weniger Wochen verändern, aber ich kann die Gefühle auch nicht dauerhaft gut aushalten (oder mich hindurch atmen). Also esse ich Kuchen.

Hurra, Kuchen!

Das kann man nun mit einem Augenzwinkern abtun (der Begriff C-Bauch macht ja schon länger die Runde), ich bin immerhin nicht alleine damit und es gibt Schlimmeres. Aber ich fühle mich dadurch nur ganz kurz besser, und mit Genuss hat das auch nichts mehr zu tun.

Ich bin ein Stressesser. Mir passiert es so gut wie nie, dass ich vor lauter Stress das Essen vergesse, im Gegenteil. Bin ich gestresst, möchte ich mir was gönnen – ein leckeres Mittagessen, Schokolade oder Kuchen. Kurz bevor dieser ganze C-Mist passierte, war ich auf einem guten Weg: Täglich Yoga, kein Alkohol und als nächsten Schritt wollte ich meine Ernährung verbessern. Denn mein Stoffwechsel ist nach wie vor ein träger Hund. Da helfen die Schilddrüsenhormone kaum.

Das Buch „Der Aufstand der Hormone: Wie unser Lebensstil Schilddrüse, Nebennieren und Stoffwechsel stresst“ von Dr. Aviva Romm öffnete mir die Augen. Es klang einleuchtend, dass mein Körper nach nahrhafteren Dingen verlangte, als ich ihm zuführte. Doch mitten in der Krise fehlt mir einfach die Kraft, ihren 4-Wochen-Reset-Plan umzusetzen, der vor allem heißt, drei Mahlzeiten am Tag zu kochen.

Bitte keine Neuigkeiten mehr!

Denn alles Neue ist mir gerade zu viel. Ich brauche Vertrautes – und was gibt es Vertrauteres, als das wohlige Gefühl nach einem Stück (Tafel/Riegel/Eisbecher) Schokolade? Und gerade jetzt wird man sich doch wohl was gönnen dürfen!

Dann fiel mir wieder das Konzept vom emotionalen Hunger ein, von dem ich bei Franziska Krusche gelesen habe. Auf ihrem Blog theheartofbalance habe ich (bereits vor längerer Zeit) das erste Mal von diesem Prinzip gelesen und auf der Suche nach Antworten hat mich ein älterer Blogeintrag von ihr tief bewegt: Essen, um nicht zu fühlen. Auch sehr schön: Ihr aktueller Beitrag bei fuckluckygohappy.de über Gewichtsveränderung in diesen Zeiten.

Ich habe mich ertappt. Ich versuche mit allen Mitteln, die Gefühle, die zurzeit in mir toben, zu ersticken. Ja, ich praktiziere jeden Tag Yoga und stelle mich dabei den Gefühlen, die aufkommen. Aber für den Rest des Tages sind es einfach zu viele Emotionen. Ich komme da nicht mehr hinterher.

Zu Beginn dieser Krise befand ich mich in einer Schockstarre, jetzt habe ich das Gefühl, überall hinterher zu laufen. Hinter Informationen, hinter Lösungen, immer auf der Suche nach einem Stück Kontrolle. Für mich als kleiner Perfektionist und Kontrollsüchtiger ist das aktuelle Geschehen schwer auszuhalten. Ich habe nichts mehr in der Hand.

Die Gefühle verstecken sich

So kommt es mir zumindest vor. Und was ich in der Hand habe, mein Essensverhalten zum Beispiel, dient nun zur Ablenkung. Wenn ich darüber nachdenke, was ich esse und warum, muss ich wenigstens nicht über den anderen Mist nachdenken.

Doch glücklich macht mich das nicht. Also, was tun? Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Therapie ist – die Erkenntnis. (Sokrates würde jubeln: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – mehr wusste er auch nicht.) Das Problem erkennen, nach der Ursache suchen und das Problem damit verändern. Dabei hilft mir das Buch „Essanfälle adé“ von Olivia Wollinger.

Dennoch fühle ich mich gerade etwas abgeschnitten von meinen Gefühlen – ähnlich wie bei meiner depressiven Episode. Wenn ich tief grabe, stoße ich auf Wut und Trauer, aber von der Oberfläche sind sie verschwunden. Das ist insofern bedenklich, weil Depression die Abwesenheit von Gefühlen ist, das Abgeschnittensein vom eigenen Ich. Und das möchte ich auf keinen Fall erneut erleben.

Ich horche in mich hinein, esse Kuchen und putze Fenster – wenn Flecken wegscheuern dabei hilft, Wut rauszulassen, dann wird die Wohnung eben sauber. Moment mal, war das der Grund, warum vor Wochen gefühlt alle Menschen damit angefangen haben, Fenster zu putzen?

Ihr merkt, manchmal bin ich ein kleiner Spätzünder. Was das zu bedeuten hat, warum meine Gefühle hinter meinen Gedanken hinterherlaufen – das gibt es bei der nächsten Folge von „Das verfluchte C – wie ich versuche, nicht depressiv zu werden“

Good night and good luck!

Noch einmal mit Gefühl (Once more, with feeling)

Meine Armbanduhr ist eine Stunde zurück. Das heißt, ich habe sie so gut wie nie getragen seit der Zeitumstellung im März. Normalerweise trage ich sie jeden Tag – in der Woche, zur Arbeit, zum Ausgehen. Das heißt auch, ich habe seit über sechs Wochen keine Wimperntusche aufgetragen. Oder schöne Kleider. Aber keine Sorge, ich sehe nicht verwahrlost aus. Ich habe eine neue Yogaleggings. Und öfter auch mal eine Bluse an – zur Videokonferenz. Was das aber eigentlich heißt: Ich kümmere mich nicht mehr so um mich selbst.

Ich kenne das aus meiner depressiven Phase von vor vier Jahren. Da schlich ich im grauen Hoodie und abgetragener Jeans zur Therapie. Der Unterschied zu heute ist aber: Ich habe schon Kraft, mich um mich selbst zu kümmern, ich habe oft keine Lust. Wozu auch? Mein Mann weiß seit 21 Jahren, wie ich morgens aussehe. Und die Katzen erschrecke ich höchstens mit einer Wellness-Tuchmaske fürs Gesicht (und der anderen auch).

Ich verwahrlose also nicht. Ich schaffe es, aus dem Bett aufzustehen. Und dennoch höre ich aus den lieben Fragen meiner Mitmenschen heraus, wenn sie mich fragen, wie es mir geht – ob ich wieder in eine Depression falle. Das ist eine berechtigte Frage und es ist schön, dass sich andere Menschen um mich sorgen. Ich frage mich das natürlich auch selbst, denn diese Zeit ist wahrlich dafür prädestiniert.

Going through the motions

Zum Glück stelle ich fest, dass ich psychisch gesünder bin denn je. Obwohl mir oft zum Weinen zumute ist und ich täglich extreme Stimmungsschwankungen habe. Warum das gut ist? Weil es heißt, dass ich eben nicht in einer Depression stecke. Ich fühle – und das mit aller Kraft. Wer depressiv ist, fühlt gar nichts mehr.

Dennoch ertappe ich mich dabei, meine Gefühle runter zu schlucken, sie zu verbergen und zu verstecken. Ich sitze manchmal mit Tränen im Auto, weil ein trauriges Lied läuft, und schlucke sie runter. Ich kann doch nicht weinend aus dem Auto steigen!

Warum eigentlich nicht? Warum laufen wir nicht weinend durch die Straßen? Raufen uns die Haare, schreien und trauern laut um unser altes Leben? Warum fluchen wir nicht, warum entschuldigen wir uns dafür, nicht gut drauf zu sein?

Ihr kennt die Antwort ja, ich auch – weil es nicht angemessen ist. Es ist nicht schicklich, der Gesellschaft mit den eigenen Emotionen auf den Sack zu gehen. Und es ist ja auch peinlich und unangenehm, ich weiß nie, wie ich mit jemandem umgehen soll, der weinend neben mir steht. (In den Arm nehmen? Abstand halten? Kommt ja auch immer darauf an, wer das ist.)

Wie froh war ich, als ich das erste Mal wieder aus vollem Herzen weinen konnte, die Tränen waren das Licht in der dunklen Nacht der Depression – und nun schlucke ich sie wieder herunter.

Walk through the fire

Wohin mich das führt, weiß ich – ungelebte Gefühle, ungelebtes Leben – hallo Dunkelheit. Deshalb werde ich das alles nicht mehr wegschieben, mich da nicht durchatmen, ich werde das fühlen. Und das macht Angst.

Angst, da gar nicht mehr rauszukommen aus diesen Gefühlswellen. Dass sie mich überrollen und ich nur noch weinend auf dem Boden liege. Ist mir bislang aber noch nie passiert. Irgendwann war alles draußen, das Gewitter hatte den Himmel geklärt und es war gar nicht so schlimm. Dieses Prinzip, alles zu durchleben, was da ist, sich der Angst zu stellen, liegt auch dem Buch „Dare – Der neue Weg, sich von Ängsten und Panikattacken zu befreien“ von Barry McDonagh zugrunde. Eigentlich simpel: Die Angst mit einem Hallo begrüßen, ihr ins Gesicht zu blicken und ihr dadurch ihre Macht zu nehmen. Sehr empfehlenswert und ein guter Ratgeber in diesen angstvollen Zeiten.

So viel zum Thema Weinen. Das geht ganz gut, zur Not bei einem traurigen Film. Was aber ist mit der Wut? Dieses Gefühl rauszulassen und zu akzeptieren, das fällt mir schwer (Fluchen auf der Arbeit ausgenommen). Wirklich wütend zu sein, das traue ich mich nicht. Und damit meine ich nicht, meine Wut an meinem Partner auszulassen oder jemand Fremdes (rücksichtslose Autofahrer anschreien zählt nicht). Sondern mich wirklich auf dieses Gefühl einzulassen und zu gucken, wo es herkommt.

Oft habe ich das Gefühl, mit Handbremse durchs Leben zu fahren. Immer auf dem Level, das niemanden stört, niemandem auf den Geist geht, mit dem ich nicht anecke. Wie kann ich die Handbremse lösen? Mit einem Ruck oder lieber jeden Tag ein bisschen?

Where do we go from here?

Wenn ich mir diese Fragen stelle, vergesse ich oft, dass ich die Handbremse bereits jeden Tag ein bisschen löse. Mit allen Hilfsmitteln, die ich mir in den letzten Jahren zusammengesucht habe. Ratgebern, Yoga, Therapie, schönen Erlebnissen – aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ein ganz wichtiger Baustein noch fehlt. Vielleicht kommt er ja mit all meinen Gefühlen bald ans Tageslicht.

Good night and good luck! (P.S. Titel und Zwischentitel sind für alle Buffy-Fans.)

Vampir Spike hat auch ein Problem mit verborgenen Gefühlen

Homeoffice, Entscheidungen und Gedankenkarussell

Ich mag Homeoffice. Ich mochte Homeoffice. Mein Arbeitsweg beinhaltet eine kurze Fahrradfahrt zum Bahnhof, eine Stunde Zugfahren und zehn Minuten finalen Fußweg zum Büro. Nach einigen Jahren mit Zweitwohnsitz habe ich mich bewusst dafür entschieden, diesen langen Weg auf mich zu nehmen. Nach einigen Jahren mit Wochenendehe und doppelten Einrichtungsgegenständen war es eine Erleichterung, wieder ganz nach Hause zu kommen. Zum Glück konnte ich ein bis zwei Tage in der Woche anschließend im Homeoffice verbringen. Homeoffice war also für mich eine Möglichkeit, mehr Zeit zu Hause zu verbringen. Und nun sehne ich mich nach dem Büro, nach den Kollegen und nach der Zugfahrt. Das ist auch für mich überraschend.

Denn natürlich ist ein Pendlerleben anstrengend: Ist der Zug pünktlich? Bin ich pünktlich? Und für einen Langschläfer wie mich war das eine tägliche Herausforderung. Nun kann ich also länger schlafen, schaffe morgens sogar ein bisschen Yoga, frühstücke nicht mehr im Zug, sondern am Tisch, und muss meine Haare nicht mehr föhnen. Allerdings bin ich so müde wie lange nicht.

Und was ich mir nie so richtig verdeutlicht habe: Die Zugfahrt hat mich entspannt, ich konnte sinnlos aus dem Fenster starren und hatte den räumlichen Abstand zur Arbeit.

Nun falle ich morgens an den Küchentisch und der Laptop starrt mich auch abends noch an. Abschalten ist schwerer geworden. Das sinnlose Aus-dem-Fenster-Starren ist weg, die entspannte Mittagspause in der Regel auch. Dafür sind viele Entscheidungen zu treffen: Mit welchem Yogavideo starte ich in den Tag? Wann sauge ich? Was esse ich? Wann räume ich die Küche auf? (Warum wird alles bloß so schnell wieder schmutzig?) Muss ich wirklich Fenster putzen? Yoga-Klamotten oder eine Bluse? (Und warum will die Katze so oft was zu essen haben?) Außerdem empfinde ich Scham, weil es mir gut geht, ich einen bezahlten Job habe und keine Kinder versorgen muss – jammern auf hohem Niveau. Doch das sind nun einmal meine Empfindungen, meine Ängste, und sie haben ein Recht, da zu sein.

Das sind alles banale Fragen, ich weiß. Doch dazu kommen Zukunftsängste und Sorgen um meine Familie und Freunde. Alles oben drauf. Mein Kopf und meine Seele sind überlastet. Ich kenne das aus meiner depressiven Phase. Da war mein Kopf mit so vielen (banalen) Fragen voll, dass ich nicht mehr in der Lage war, die einfachsten Entscheidungen zu treffen. Aufgrund der fehlenden alten Routine tauchen jeden Tag neue Fragen auf, und auch die sich schnell wechselnde Nachrichtenlage und Ungewissheit bringen meinen Verstand zum Rotieren. Es ändert sich dauernd etwas, wenig hat Bestand. Und die Angst, was Falsches zu entscheiden, spielt sicherlich auch eine Rolle. Und der Kontrollverlust.

Ich kann nicht kontrollieren, wann ich wieder ins Büro darf oder in den Urlaub. Meine Entscheidungsfreiheit ist in so vielen Bereichen weg. Da will ich es natürlich richtig machen, wenn ich schon eine (und wenn es eine banale ist) Entscheidung treffe.

Hinzu kommt: Durch die ganzen vielen Fragen arbeitet mein Gehirn unter Hochdruck und stürzt (wie ein Internetbrowser mit zu vielen offenen Tabs) einfach irgendwann ab. Das Ergebnis ist ein Nebel im Kopf, der schwer zu durchdringen ist und noch schwerer abzuschütteln.

Ich bin ein Reh im Scheinwerferlicht. Ich sehe die Gefahr, kann ihr aber nicht ausweichen. Zum Glück habe ich viele Helfer, menschliche, tierische und yogische. Kuchen ist auch ab und zu dabei. Und ich muss meine Putzorgien auch nicht allein bewältigen. Aber all das hilft eben nicht immer.

Nach sechs Wochen zu Hause beziehungsweise Homeoffice kann ich unsere vier Wände nicht mehr sehen. Und auch nicht mehr am Küchentisch arbeiten. Deshalb habe ich mir jetzt einen Schreibtisch bestellt. Die Entscheidung, welchen ich denn nun nehme, hat mich mehrere Stunden gekostet.

Ich weiß, das ist zynisch. Im besten Fall spricht für mich, dass ich umsichtig mit meinem Geld umgehe und deshalb lange dafür gebraucht habe. In der Realität hat sich aber mein Perfektionist eingemischt und dauernd gefragt, ob das auch alles so passt und warum ich mich verdammt nochmal nicht einfach mit dem zufrieden gebe, was ich habe. Mein Yoga-Ich tönt derweil laut „Ommmm“ und predigt Dankbarkeit. Und damit lande ich dann auch noch im „Selbstbeschimpfungs-Karussell“.

Deshalb wage ich einen Blick in das Buch „Die innere Ruhe kann mich mal“ von Fabrice Midal. Seine Sichtweise auf den Achtsamkeitswahn der letzten Zeit, der uns alle noch produktiver machen soll, ist erfrischend. Meditieren, sich in Ruhe lassen nur um sich selbst willen? Ohne höheren Zweck? Ohne Optimierung der Konzentration und der Aufmerksamkeit? Einfach nur so da sitzen ohne Ziel – besser kann man die aktuelle Situation aus psychischer Sicht nicht beschreiben.

Einfach nur sein, jeden Tag erleben und nicht nur überleben, die Zeit NICHT nutzen, um sich selbst zu optimieren – sondern um innezuhalten und sich mit sich selbst wieder verbinden, zu sich selbst nach Hause kommen, das ist die wahre Herausforderung dieser Tage. Zumindest für mich. Und keine sauberen Fenster oder kreative Basteleien. Oder der perfekte Schreibtisch.

Ich schicke mein Yoga-Ich also ins Retreat auf die Terrasse, Hummeln beobachten, und der Perfektionist darf sich schlafen legen. Und ich genieße die himmlische Ruhe. So für fünf Minuten. Ich darf nicht zu viel verlangen.

Good night and good luck! (Wer mehr über dieses Zitat wissen will, sollte unbedingt den gleichnamigen Film gucken!) Stay safe!

Entspannung in Krisenzeiten

Eigentlich hatte ich hier etwas ganz anderes vor. Aber in Zeiten von Corona ist meine Kreativität dahin. Die Tage sind erfüllt mit Homeoffice, Yoga, Spaziergängen, kochen, Serien und telefonieren. Und falls mir dann doch Ideen in den Kopf hüpfen, sind sie mir zu dystopisch zum Aufschreiben, zu nah dran an dem, was passiert.

Also schreibe ich jetzt darüber, was ist. Mental Health ist mehr in den Fokus gerückt, es gibt (meinem Gefühl nach) mehr Menschen, die sich jetzt trauen zu sagen, dass sie Angst haben, dass sie einsam sind und unter Panikattacken leiden. Deshalb sind hier nun meine Tipps, meine Erfahrungen, wie ich damit umgehe, als jemand, der während des dunklen Winters Angst hatte, erneut in eine Depression zu rutschen.

Ich konnte das verhindern mit all dem Wissen aus meiner abgeschlossenen Therapie, einer Tageslichtlampe (hilft bei mir wirklich!) und Dingen, die im richtigen Moment zu mir gekommen sind. Das klingt jetzt sehr esoterisch, also erkläre ich es ein bisschen.

Alles kommt zu seiner Zeit

Mir war und ist teilweise noch mein Grundvertrauen in mich selbst abhanden gekommen. Was mir gut tut, was ich wirklich brauche. In den vergangenen Jahren habe ich durch Ausprobieren herausgefunden, wie ich zu mir selbst zurück finden kann. Habe gelernt auf meine Bedürfnisse zu hören. Und seitdem finde ich zufällig Dinge, die mir dabei weiterhelfen.

Ein Beispiel: Yoga. Mache ich seit über zehn Jahren mehr oder weniger regelmäßig. Ich habe eine tolle Yogalehrerin, die mich immer großartig unterstützt und mir in einem Personal Training Yoga-Sequenzen für mein Training zu Hause entworfen hat. Leider konnte ich das vor ein paar Jahren noch nicht so nutzen, wie ich es gebraucht hätte, es fehlte einfach die Motivation.

Immer wieder habe ich mir gemütliche Yoga-Ecken eingerichtet, mit allem, was man braucht. Aber den Weg zur Matte habe ich trotzdem kaum gefunden. Es war mir schlicht nicht möglich, die Zeit für mich in meinen Tagesablauf zu integrieren, irgendwas anderes war immer wichtiger. Vor einigen Monaten hat es dann Klick gemacht.

Nun kann ich leider nicht genau sagen, woran das gelegen hat. Aber ich ermuntere trotzdem dazu, in schweren Zeiten auf die Matte zu gehen, Yoga-Sequenzen zu praktizieren oder zu meditieren. Schon ein paar Minuten helfen. Und wenn das Sofa weiterhin sehr verlockend ist: Darauf lässt sich auch gut meditieren.

Yin Yoga

Im Winter habe ich mich intensiv mit Yin Yoga angefreundet, eine sehr ruhige Form des Yoga. Die Haltungen (Asanas) werden bis zu drei Minuten gehalten, oft ohne gezielte Muskelanspannung. Es ist sehr entspannend, vor allem abends, ich praktiziere es auch gerne direkt vorm Schlafen. Durch das Verharren in den Positionen wird das Nervensystem beruhigt, sogar meine Gedanken finden Ruhe. Wirkt bei mir besser als Meditation.

Wer mehr wissen möchte, dem lege ich die Bücher von Stefanie Arend ans Herz und die Videos (auf Englisch) von Kassandra auf Youtube. Wer eine tolle deutsche Yogalehrerin sucht, ist bei Mady Morrison sehr gut aufgehoben. Sie hat 30-Tage-Challenges, leichte und schwerere Videos und auch ein bisschen Yin Yoga im Angebot.

Yoga with Adriene

Meine neue Yoga-Liebe heißt aber Adriene Mishler. Die Texanerin ist sympathisch, bodenständig und erklärt Yoga-Prinzipien einfach und ohne esoterischen Schnick-Schnack. Ihren Yoga-Kanal gibt es schon recht lange, aber da ich ein Spätzünder beim Entdecken von Yoga-Youtube-Videos bin, habe ich sie erst vor Kurzem gefunden.

Ihre Videos sind entspannend bis herausfordernd, ich kann ihren Anweisungen (meistens) recht gut folgen und liebe ihre tiefe, ruhige Stimme. Außerdem hat sie den besten Assistenten der Welt: Benji, den Australian Cattle Dog. Er liegt immer sympathisch in der Ecke rum und wird gerne von ihr gekrault. So kann ich auch meine Katzen, die gerne neben mir liegen, ebenfalls gut in meine Praxis integrieren. Und ich liebe ihre aufmunternden Sätze wie: Your mat has always your back. Nicht nur im übertragenen Sinn.

Adriene hat auch tolle 30-Tage-Challenges, momentan stecke ich meiner ersten überhaupt: Home. Ein tolles Motto, denn mithilfe ihre aufeinander aufbauenden Videos findet man tatsächlich den Weg zurück nach Hause zu sich selbst, zurück in den eigenen Körper.

So sieht meine Corona-Mental-Health-Strategie also aus: Yoga mit Adriene und Kassandra, am 1. April starten beide neue Challenges. Adrienes Challenge heißt Nurture und beinhaltet unter anderem Yoga-Sequenzen gegen Stress. Kassandra hingegen widmet sich einer zehnminütigen Yoga-Praxis am Morgen, etwas, das ich schon lange mal ausprobieren wollte. In Homeoffice-Zeiten dürfte mir das leichter fallen, als an Vormittagen, an denen ich pünktlich zum Zug kommen muss.

Tee und chillen

Außerdem habe ich Adrienes Yogi-Tee ausprobiert: Ein bisschen bitter, aber durchaus sehr wärmend und der Duft, der sich im Haus verbreitet, ist wunderbar.

Rezept: einen Beutel schwarzen Tee, Ingwer in Scheiben nach Belieben (ich habe drei genommen), schwarzen Pfeffer (ungefähr 20 Stück, ich habe weniger genommen), ganze Nelken (ungefähr 15 Stück, ich habe weniger genommen), Zimtstangen (bei mir waren es zwei), Cardamom Kapseln (20 Stück, ich hatte ein paar weniger, sie werden leicht angedrückt) und als freiwilligen Zusatz ein paar Scheiben Kurkuma (gut gegen Entzündungen). Alles in einen Topf werfen mit kochendem Wasser (bei mir war es ein Liter, am Ende kam eine sehr große Tasse Tee dabei heraus), über einem Sieb abgießen und mit Honig und wahlweise Milch genießen. Aber schaut Euch auch gerne Adrienes Video dazu an, da steckt viel Liebe drin.

Eine Menge Zutaten, die 30 Minuten köcheln. Den schwarzen Tee werde ich aber beim nächsten Mal später hinzugeben, damit es nicht so bitter wird.

A propos Duft: Ich habe einen Raumdiffuser, der nicht nur mit Lavendel super während des Yoga ist, sondern (neu entdeckt) auch mit Zirbenöl. Falls der Waldspaziergang wegen Schnee ausfallen muss, ist das ein wunderbarer Ersatz.

Da mir momentan die Konzentration zum Lesen fehlt, gucke ich gerade (mal wieder) zur Ablenkung Modern Family auf Netflix und spiele Witcher 3 (mal wieder) auf der Playstation. Die Serie dazu kann man auch gut gucken.

Der nächste Blogeintrag wird der Frage nachgehen, warum ich mich nicht so gut konzentrieren kann und was ich dagegen tun will und kann. Bleibt gesund!

Good night and good luck!

„The Witcher“ auf Netflix: Überzeugt die neue Fantasy-Serie?

„Das neue Game of Thrones!“ „Endlich eine Serie für Herr-der-Ringe-Fans!“ – Diese Schlagzeilen gehen mit Kritiken der neuen Netflix-Serie „The Witcher“ einher. Um es vorweg zu nehmen: Nein, das stimmt alles nicht. Denn der Witcher hat nichts mit den beiden populären Fantasy-Reihen gemein. Und das ist gut so.

In der neuen Fantasyserie, die seit dem 20. Dezember 2019 auf Netflix abrufbar ist, stehen drei Personen im Vordergrund: Die titelgebende Figur des Witchers, Geralt von Riva, gespielt von „Superman“-Darsteller Henry Cavill, das junge Mädchen Cirilla von Cintra und die Magierin Yennefer von Vengerberg. Beide Rollen wurden mit unbekannten Schauspielerinnen besetzt, Anya Chalotra spielt Yennefer, Freya Allan schlüpft in die Rolle von Ciri. Neue Gesichter für neue Serien sind gut, denn als Zuschauer kann man sich besser darauf einlassen, wenn man noch keine „Vorgeschichte“ mit den Schauspielern hat. Ich finde das erfrischend, freue mich aber auch, mit MyAnna Buring ein bekanntes Gesicht aus Serien wie „Downton Abbey“ und „Ripper Street“ wiederzusehen.

Mit Henry Cavill dagegen stehe ich auf Kriegsfuß, sein Superman ist doch allzu hölzern, viel habe ich dem Schauspieler daher nicht zugetraut. Doch als Hexer liefert er eine solide Darstellung ab.

Darum geht es in „The Witcher“

Der Witcher reist durch kriegerische Königreiche und gefährliche Fürstentümer auf der Suche nach neuen Aufträgen. Sein Geld verdient er mit der Monsterjagd, allzu oft entpuppen sich seine Questen aber als tragische Geschichten und er muss nicht nur Monster töten, sondern auch Menschen. Flüche, Sumpfmonster, Striegen – dem Witcher bleibt nichts erspart. Durch grausame Kräuterproben wurde er als Kind zu einem Mutanten mit besonderen Fähigkeiten, doch der Preis dafür ist ein Leben ohne Gefühle. Als stoischer und griesgrämiger Krieger zieht Geralt mit seinem Pferd Plötze durch die Lande, unwissend, dass bald sein steinernes Herz von zwei Frauen erweicht wird.

Eine davon ist Prinzessin Cirilla von Cintra, an die Geralt durch das Schicksal gebunden ist. Sie muss aus ihrem Königreich fliehen, das von dem kriegerischen Land Nilfgaard angegriffen wird. Relativ schnell wird klar, dass Nilfgaard nicht nur Cintra erobern will, sondern auch speziell hinter Ciri her ist.

Die andere Frau, die Geralts Leben auf den Kopf stellen wird, ist Magierin Yennefer. Verkrüppelt und verkauft von ihrem Vater an Zauberin Tissaia (MyAnna Buring), die sie ebenfalls schikaniert, hat Yennefer kein einfaches Leben. Doch ihre magischen Künste lassen sie zu einer mächtigen Zauberin aufsteigen.

In den ersten vier Folgen, die ich bereits gesehen habe, springen die Drehbuchautoren zwischen diesen drei Handlungssträngen hin und her. Alle drei Protagonisten werden sich später treffen, das dürften Fans der Buchreihe von Andrzej Sapowski, auf denen die Serie basiert, und Fans der gleichnamigen Videospielreihe wissen.

Darum ist der Witcher nicht „Game of Thrones“

Nackte Frauen, Sexszenen und brutale Kämpfe – weist eine Serie diese Merkmale auf, wird sie gleich mit „Game of Thrones“ verglichen. Der Witcher hat all das, ist vom Intrigenspiel um den Thron von Westeros aber weit entfernt. Es fehlen die Ränkeschmiede, die verschachtelten Handlungsstränge und ja, auch an Drachen mangelt es beim Witcher. Wer die Spiele gespielt hat, weiß, dass Drachen durchaus als Gegner im Kampf herhalten müssen, aber sie haben keine wichtige Rolle. Und nein, mit „Herr der Ringe“ lässt sich die Fantasyserie auch nicht vergleichen, es fehlt nicht nur der Ring, sondern auch Tolkiens überbordende Fantasywelt.

Die Welt des Witchers sieht aus, wie ich mir das finsterste Mittelalter vorstelle: dreckig, grausam, düster, voller gruseliger Gestalten und tragischer Einzelschicksale. Es wird gesoffen, gevögelt, gemetzelt, ohne einen epischen oder edlen Hintergrund. Yennefer und Geralt haben nie Liebe erfahren, Ciris Eltern sind jung gestorben und die Zukunft der drei dürfte nicht viel Schönes bereithalten.

Für wen lohnt sich die Serie?

Ganz klar für Fans der Bücher, sie hält sich enger an die Vorlagen von Sapowski als an die drei Videospiele. Wer sich noch nie mit dem Witcher beschäftigt hat, dürfte aufgeschmissen sein. Die verschiedenen Handlungsstränge werden ohne große Erklärungen abgehandelt, Ort und Zeit werden nur dem aufmerksamen Zuschauer klar, denn es wird nichts eingeblendet (zum Beispiel wenn es nach Cintra geht und dann zurück nach Temerien) und chronologisch sind die Episoden auch nicht aufgebaut.

Wer der Hexer genau ist, warum er so geworden ist und was ihn antreibt – diese Erklärungen fehlen bis Folge 4, aber ich bezweifle, dass noch viel dazu gesagt werden wird. Was es mit dem Magierzirkel auf sich hat, dem Yennefer beitritt, wer ihre Ausbilderin genau ist, warum die Bruderschaft ihnen feindlich gesonnen ist – hoffentlich wird das zum Ende hin noch ein wenig aufgeklärt. Ich bin gerade von Yennefers Entwicklung begeistert, ihr Weg zur Magierin ist spannend, aber ein bisschen mehr Erklärung wäre zum Verständnis schön gewesen.

Ciris Aufenthalt am Hof von Cintra hingegen ist total verwirrend, es hat zwei Folgen gedauert, bis ich durch die verworrenen Dialoge begriffen habe, dass ihre Großmutter die Königin ist und ihre Mutter tot. Ihre Großmutter allerdings, Königin Calanthe, ist eine äußerst interessante Figur. Endlich mal keine Königin, die träge auf dem Thron sitzt, Wein trinkt und Intrigen schmiedet, sondern eine Kriegerin, die blutbesudelt auf Feierlichkeiten auftaucht und selbst im Königinnendress das Schwert schwingt. Überhaupt, bei den Frauenfiguren macht die Serie alles richtig: Von Männern unterdrückt und durch ihre Regeln eingeschränkt, erkämpfen sie sich ihr eigenes Leben und behaupten sich in dieser grausamen Welt.

Da gerät der Hexer leicht in Vergessenheit: Geralt ist eher für die actionreichen Momente in der Serie zuständig, der Schwertkampf am Ende der ersten Folge ragt dabei klar heraus. Er ist extrem gut choreografiert und gefilmt. Henry Cavill macht alle Stunts selbst, Respekt für diese körperliche Leistung. Da kann ich es verschmerzen, dass ihm der Charme des Witchers fehlt, der in den Videospielen so gut rüberkommt.

Charmant wird es, wenn Geralt auf den Barden Rittersporn trifft. Die Dynamik des Duos erinnert an Ritter Bowen (Dennis Quaid) und Mönch Gilbert von Glockenspur (Pete Postlethwaite) aus dem Film „Dragonheart“: Grimmiger Krieger trifft auf optimistischen Reiseberichterstatter. Rittersporn und Geralt dürften die lustigsten Dialoge der Serie haben und sind definitiv mein Lieblingspaar.

Die Folgen der ersten Staffel orientieren sich an Andrzej Sapowskis Kurzgeschichten, was die Handlung kurzweilig macht, trotz der fehlenden Hintergrundgeschichten. Einige Figuren wirken recht blass, aber die drei Protagonisten machen das größtenteils wieder wett.

„The Witcher“ ist gute Unterhaltung für alle, die Fantasy mögen. Die Investitionen von Netflix in die Produktion haben sich gelohnt, es sieht kaum etwas billig aus, außer manchmal die Perücke von Henry Cavill. Einigen Städten, Kostümen und Masken sieht man ihre Herkunft vom Computer stark an, aber auch das ist verschmerzbar.

„The Witcher“ ist zwar nicht in den ersten Folgen zu meiner neuen Lieblingsserie mutiert, aber ich habe Spaß beim Bingen (jede Folge einzeln schauen ist meiner Meinung nach nicht empfehlenswert, da könnte man zu sehr den Faden verlieren) und freue mich als Fan des Videospiels auf die angekündigte zweite Staffel.

Das Haus im Wald

Es war ein kalter Tag. Und der Abend ist noch kälter. Doch vor allem friere ich innerlich, erschauere bei dem Gedanken an das, was mich erwartet. Ich ziehe meine Strickjacke um mich, während ich aus den bodentiefen Fenstern in den Wald schaue. Die letzten Sonnenstrahlen berühren den Boden, bald ist es dunkel. Es wird tiefdunkel in diesem Wald, kein Sternenlicht fällt durch die Wipfel der Bäume. Es ist einsam. An die Geräusche der Tiere habe ich mich längst gewöhnt, ohne sie könnte ich gar nicht mehr einschlafen. Dann würden es noch weniger als der üblichen fünf Stunden Schlaf für mich sein. Außerhalb komme ich gar nicht zur Ruhe. In Hotels finde ich kaum in den Schlaf. Deshalb fahre ich nicht mehr so oft weg. Aber vielleicht ist das auch die Folge des Alters. 40 Jahre bin ich heute geworden. Alt oder jung? Auf jeden Fall träger. Wahrscheinlich habe ich noch über die Hälfte meines Lebens vor mir. Heute wird sich entscheiden, ob das die bessere Hälfte wird.

Ich atme langsam aus. Ein bisschen Herbstluft dringt durch den schmalen Spalt der Terrassentür, die ich geöffnet habe, bevor es beginnt. Der Trubel. Ohne Heiterkeit, ein Muss. Heute kommen nur Menschen, die kommen müssen. Kunden, Bekannte, immer fleißig netzwerken. Ohne geht es nicht als Drehbuchautorin. Und die Familie natürlich, die Blutsverwandten, nicht die Freunde, die mir wichtig sind. Sie wohnen weit weg, verstreut über die Welt, ich besuche sie lieber allein. Heute kommen sie nicht. Heute kommen alle, die mir nicht wichtig sind. Und meine Schwester und mein Bruder, die ich verachte. Allen anderen bin ich fast gleichgültig gegenüber. Aber meine Geschwister hasse ich. Dennoch müssen sie kommen, das ist die Bedingung.

Mein Vater war darauf bedacht, dass wir uns verstehen. Nicht mögen, aber wenigstens regelmäßig sehen. Zu feierlichen Anlässen wie diesen. Er muss geahnt haben, dass wir das nach seinem Tod nicht freiwillig machen würden. Deshalb hat er es in seinem Testament verfügt. Dreimal im Jahr zu unseren Geburtstagen, zu Ostern und zu Weihnachten, zum 4. Juli. Sechsmal muss ich sie ertragen und sie mich. Die Belohnung am Ende jedes Jahres: ein Stück vom Vermögen. Das heißt nicht zwangsläufig Geld, es können auch Immobilien sein oder Boote oder Reisen. Mein Vater war ein erfolgreicher Architekt. Hatte alles, und noch mehr. Nur die Liebe in der Familie nicht.

„Vic? Wir sind fertig“, sagt Angela zu mir. Sie ist schon seit Jahren verantwortlich für das Catering an meinen Geburtstagen. Ich sehe ihr Spiegelbild in der Scheibe der Terrassentür an. „Danke, meine Liebe“, antworte ich und drehe mich zu ihr um. Ihr sanftes Lächeln lässt ihr Gesicht fast jugendlich erscheinen, dabei ist sie gute zehn Jahre älter als ich. In ihrer Gegenwart komme ich mir immer älter vor. Sie ist die beste Köchin, die ich kenne, und unschlagbar im Organisieren. Ihr geht alles mühelos von der Hand, während ich schon daran scheitere, für mehr als zwei Tage Lebensmittel einzukaufen. Für heute habe ich mir spanische Tapas gewünscht, alle möglichen Variationen, mit viel Knoblauch und frischen Kräutern. Ich war lange nicht in Spanien, so hole ich es mir wenigstens nach Hause, nach Minnesota. Der Wein ist importiert, amerikanischer Wein überzeugt mich nicht. Angestoßen wird mit spanischem Cava, keine komplizierten Cocktails heute.

Ich gehe mit Angela in die Küche, wo die Köstlichkeiten in meiner sonst vereinsamten Küche präsentiert werden. Servierkräfte werden sie auf kleinen Tabletts den Gästen reichen, sie werden an Stehtischen platziert, auf Sofas und Sesseln mit Wollplaids auf der Terrasse. Ich habe keinen Esstisch, ich habe sonst keine Gäste im Jahr. Alleine an einem Esstisch zu sitzen, macht mich einsam. Die Sofas sind für maximal drei Personen, es gibt dazu schwere Ohrensessel, in denen ich versinken kann. Mein Vater würde durchdrehen bei meiner Inneneinrichtung. Alles zusammengewürfelt. Aber alles Dinge, die mir gefallen. Nichts aus einem Guss, nichts, was wirklich zu den klaren Linien des Hauses passen würde. Die Leichtigkeit der vielen Fenster wird zunichte gemacht durch meine schweren Sessel und Sofas. Mein Stinkefinger in Richtung Grab meines Vaters, er würde rotieren, wäre er nicht verbrannt worden.

Meine kleine Rebellion in Sachen Inneneinrichtung wird allerdings einmal im Jahr zu einem Problem. An meinen Geburtstagen schäme ich mich für meinen nicht vorhandenen Geschmack und ich höre sie immer wieder raunen, Jahr für Jahr: „Sie hat nichts vom Stilgefühl ihres Vaters geerbt“, dazu schütten sie sich meine teuren Getränke in den Hals. Ich kann nicht abschütteln, dass es mich berührt, was andere über mich sagen. Ich will es ihnen recht machen, allen und immer. Ich will gelobt werden für meinen Geschmack, die wahre Erbin meines Vaters sein. Aber das werde ich nie schaffen. So bleibt mein Rückzug in meine Scham, einmal im Jahr. Meine einzige Waffe: Alkohol. Je mehr ich trinke, desto weniger höre ich.

Deshalb habe ich jetzt schon ein Glas spanischen Sekt in der Hand, der Mutmacher, bevor es losgeht. Ich proste Angela und ihren Angestellten zu, ich bin wirklich dankbar, bei ihnen in guten Händen zu sein. Es klingelt und ich wappne mich.

Die erste halbe Stunde vergeht ohne Atemholen. Was ich aber nicht vergesse, ist immer wieder mein Glas auffüllen zu lassen. Zum Glück hatte Angela mir ein Mittagessen zubereitet, sonst wäre ich jetzt schon völlig betrunken. Sehnsüchtig starre ich den Tapas nach, die an mir vorbei den anderen Gästen gereicht werden. Essen geht jetzt nicht, ich muss reden. Auch nicht meine Königsdisziplin: der Smalltalk. Es hat schon seinen Grund, warum ich als Autorin im Haus im Wald lebe.

Mein Lächeln ist zwar echt bei der Begrüßung meiner Gäste, dennoch fühlt es sich steif an. Mir ist warm, trotz der herbstlichen Kälte draußen. Meine Strickjacke habe ich schon längst ausgezogen, mein dunkelrotes Kleid dürfte gut zu meinem geröteten Gesicht passen. Einen kurzen Moment wünsche ich mir ein Gesicht in der Menge, das ich liebe. Und dem ich vertrauen kann. Mein Blick schweift über die Besucher, Frauen und Männer ab 30 bis Ende 50, Autoren, Journalisten, Regisseure, Schauspieler, Agenten und Partner all dieser Menschen, die ich nur einmal im Jahr sehe. Ein Raum mit Alphatieren und Machern, mit Machtmenschen und denen, die es gerne wären.

„Victoria!“ Ich erschauere beim Klang meines Namens. Meine kleine Schwester ist da, ihr Ruf hallt durch den Raum, sie liebt den großen Auftritt. Ich drehe mich um und sehe die junge Version meiner Mutter, ich erinnere mich an Fotos, auf denen sie genauso aussah. Grazil, die langen blonden Haare in Hippiewellen auf den Schultern, doch das Lächeln auf Viviennes Gesicht ist unecht. Auf Higheels kommt sie mir entgegen gestelzt, das enge braune Wildlederkleid wirft keine Falte. Wir umarmen uns mit vielen Zentimetern Abstand zwischen unseren Hüften, ihre Wange streift kurz meine. „Alles Gute zum Geburtstag! Meine Güte, die magische 40!“, zwitschert sie mir ins Ohr, der Unterton ist so gemein wie üblich.

Dicht hinter ihr steht mein großer Bruder, nicht nur älter, sondern auch wirklich größer als Viv in ihren Zehn-Zentimeter-Schuhen. Auch er umarmt mich, dazu muss er sich weit runter beugen, ich trage keine hohen Schuhe. „Alles Gute!“, sagt er in seinem Singsang, mit dem er stundenlang auf Meetings Geschäftsleute einlullen kann, am Ende kaufen sie ihm alles ab. „Hallo Vincent“, sage ich und rücke schnell von ihm ab. Sein Parfum ist aufdringlich, mir wird fast schlecht, nachdem ich in Viviennes Chanel schon fast erstickt bin.

Alles an beiden ist zu viel: ihr Auftreten, ihr Geruch, ihre viel zu teure Kleidung. Aber immerhin, auch von ihnen hat keiner den Geschmack meines Vater geerbt. Doch sie legen Wert auf eine standesgemäße Einrichtung und ihnen ist auch egal, was andere über sie denken. Die standesgemäße Frau von Vincent, Mary, ist in seinem Schlepptau, die drei ebenfalls hellblonden Kinder (sie hatten bei den Eltern keine Chance), werden wie üblich von ihren Nannys zu Hause betreut. Ich frage mich, wer von ihnen heute fahren muss. Wenn Mary trinkt, wird es lustig, unter ihrem Dünkel verbirgt sich die Lust, nach drei Gläsern Rotwein zu fluchen. Vincent hingegen redet noch mehr, auch wenn ich immer glaube, dass das nicht möglich ist. Und Vivienne flirtet mit jedem, ob Mann, ob Frau, mit irgendwem finde ich sie später auf der Terrasse.

Die Geschenke haben sie bereits im Flur auf einem Tisch deponiert, ich verschenke sie unausgepackt später an das Personal.

Nach der Begrüßung der drei winke ich eine Servicekraft herbei, ich brauche dringend Nachschub. „Nehmt Ihr alle Cava?“, frage ich unschuldig in die Runde. Vivienne verdreht die Augen. „Keine Cocktails? Sekt mag ich nicht.“ „Du kannst gerne gleich mit Bourbon einsteigen“, antworte ich. „Nein, danke, ich nehme den Rotwein“, sagt sie mit spitzem Mund. Vincent und Mary nehmen sich beide ein Glas vom Tablett, ich runzele die Stirn. „Wer fährt denn von Euch?“ „Julien“, antwortet Vivienne, während sie den Rotwein runter stürzt. Wer ist Julien, will ich gerade fragen, da taucht er schon in der Tür zum Wohnzimmer auf. Hat Vivienne wirklich einen Partner, den sie hierher mitbringt? Eine Premiere.

Julien kommt näher, ich beobachte ihn stumm. Er ist ein bisschen größer als ich, Vivienne überragt ihn auf ihren Higheels, er trägt ein schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe, sein helles Gesicht wirkt dadurch fast gespenstisch weiß. Seine dunklen Augen wandern durch den Raum, heften sich an meine. Sein Blick ist überraschend ernst. Normalerweise schleppt Vivienne, wenn überhaupt, seelenlose Männer mit sich herum, schön, aber nichts dahinter. Julien hingegen macht einen beunruhigend intelligenten Eindruck. Er streckt mir die Hand hin. „Herzlichen Glückwunsch“, seine Stimme ist dunkel und nicht einzuordnen. Er ist höflich, aber er irritiert mich. Ich mag keine Überraschungen. „Danke. Was trinkst Du?“, frage ich harmlos. „Ein Glas Rotwein zum Anstoßen“, seine Hand lässt meine jetzt erst los. Ich winke dem Kellner und steige auch um.

Alle sind da, ich muss eine Rede halten. „Schön, dass ihr alle da seid! Vielen Dank für Eure Glückwünsche und Geschenke! Und nun wird gefeiert, lasst es Euch schmecken und wenn was fehlt, sagt jederzeit Bescheid. Prost!“ Ich bin keine große Rednerin. Das wissen zum Glück alle, es hält ja auch nur auf. Ein Kellner geht an mir vorbei, ich schnappe mir schnell eine Dattel mit Speck umwickelt, meine Hand zittert. Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Warum ich trotzdem feiere? Am Ende des Jahres gibt es die Belohnung von Vater. Aber im Gegenteil zu meinen Geschwistern bin ich nicht auf sein Vermächtnis scharf, ich verdiene selbst genug Geld zum Leben. Ich bin süchtig nach seinen Briefen an mich, geradezu abhängig von seinen Worten, die mir immer fehlen. Außer, wenn ich schreibe.

Meine Geschwister, meine Eltern haben nie verstanden, was ich mache. Schreiben ja, aber das ist nicht meine Gabe. Ich beobachte. Ich sehe sie genau, wie sie alle durch den Raum gehen, was sie dabei tun, wie sich ihr Körper hält. Was sie sagen, ist ein Grundrauschen, ich sehe, was sie meinen. Ich sehe den Subtext. Die Zwischenzeilen, die die anderen nicht einmal hören.

Zum Glück haben meine Geschwister das nie verstanden. Sonst wüssten sie, dass ich genau weiß, was sie wollen.

Ich schlendere an meinen Gästen vorbei, tausche kurze Nettigkeiten und Belanglosigkeiten aus, während ich zielstrebig die Küche ansteuere. In der Küche fühle ich mich auf meinen Feiern am wohlsten. Ich kann mich ja schlecht im Wald verkriechen. Also verstecke ich mich zwischen Essen und Alkohol, zwischen den Kellnern, die zu tun haben und nicht lange an einem Ort verweilen. Ich stehe am Küchenfenster, sehe die zalhlosen Autos in der Auffahrt und atme aus.

„Kenne ich etwas von dem, was Du schreibst?“ Ich zucke merklich zusammen, ich war woanders. Ich drehe mich um. Julien steht hinter mir. „Ich weiß nicht, schaust Du Netflix oder Amazon Prime?“ Der Wein in meinem Glas zieht noch erschrockene Kreise. Ich nehme schnell einen Schluck, um das Zittern meiner Hand zu verbergen. Die andere liegt fest und heiß auf der Küchenanrichte. „Ja, sehr gerne sogar“, antwortet er. Er steht mit genug Abstand zu mir, dass ich mich nicht weg bewegen muss, aber dennoch zu nah. Sein Blick ist nach wie vor eindringlicher als alles hier. In seiner Stimme schwingt ein leichter Akzent nach, südamerikanisch.

„Ich schreibe Romane und für mehrere Serien Drehbücher, für Netflix und Prime habe ich jeweils eine Serie mit entwickelt. Sagt Dir „Kill my darlings“ was?“ „Oh ja, die mag ich sehr gern. Schön, die Autorin kennenzulernen“, antwortet er. Meint er das ernst? Meine Schwester hat noch nie eine Serie von mir gesehen. Es scheint mir absurd, dass er meine Arbeit kennt.

„Danke. Woher kennst Du Vivienne?“, frage ich. „Aus eurer Firma. Ich bin Agent für Architekten, ich vermittele sie an Baufirmen wie Eure“, antwortet er. „Mein Büro ist in Chicago, aber ich überlege, in die Twin Cities umzusiedeln.“ „Nach Minneapolis-Saint Paul? Ich würde in Chicago bleiben, unsere Twin Cities sind doch sehr provinziell.“ Er lacht, Grübchen zeichnen sich auf seinen Wangen ab und lassen ihn weniger düster als vorhin erscheinen. „Ich würde vor allem die Pizza in Chicago vermissen, aber sonst nichts. Ein bisschen mehr Ruhe vom Großstadtdschungel“, sagt er und mir kommt ein beunruhigender Gedanke. „Du willst doch nicht mit Viv zusammenziehen?“, rutscht es mir heraus, bevor ich mich stoppen kann. „Oh nein“, sagt er weiter lachend, „das hast Du falsch verstanden. Wir sind kein Paar.“ Ich werde rot. „Na ja, da habe ich wohl zu viel in euer Auftreten hinein interpretiert. Ihr habt auch nicht gesagt, dass ihr zusammen seid.“

Ich fange an zu plappern und bin gar nicht mehr das selbstbeherrschte Ich, das ich kenne. Er bringt mich aus der Fassung. Irgendwas irritiert mich an ihm. Ich kenne ihn, obwohl das nicht sein kann. Er scheint das nicht zu merken. „Noch Wein? Der schmeckt übrigens hervorragend. Ich muss auch unbedingt mal nach Spanien“, sagt er, während er mir und sich selbst nachschenkt. „Um das Rätsel zu lösen, ich entschuldige mich dafür, uneingeladen hierher gekommen zu sein. Ich wollte unbedingt das Haus Eures Vaters sehen, sein einziges privates Objekt. Ich kenne nur seine Auftragsarbeiten, die mich schon seit Jahrzehnten faszinieren. Bislang habe noch keinen Architekten kennengelernt, der so perfekt das Zusammenspiel von Licht, Leichtigkeit und schwerer Bausubstanz beherrscht. Und dieses Haus hier ist die Krönung seiner Schöpfung“, schwärmt Julien.

Obwohl ich schon diverse Lobeshymnen auf meinen Vater und seine Arbeit gehört habe, während er noch lebte und posthum, wirken Juliens Worte ehrlich bewundernd, als habe er meinen Vater gekannt. Er ist einer der wenigen Menschen, die ich bislang getroffen habe, die sich nicht bei mir einschmeicheln wollen, um das Wohlwollen meiner Familie zu erheischen. „Und lass mich raten: Vivenne war schnell damit einverstanden, dass Du den Fahrer spielst“, sage ich leicht schnippisch. Er lächelt erneut. „Na klar“, und prostet mir zu. „Damit ist aber leider nach diesem Glas Schluss. Vielleicht verrätst Du mir, wo du den Wein her hast?“ „Wenn was übrig bleibt, schicke ich dir eine Flasche ins Büro.“ Ich nehme einen Schluck und horche kurz in mich hinein. Erstaunlich, ich fange an, mit ihm zu flirten. Das ist mir weiß Gott lange nicht passiert. Und es hält auch nicht lange an, ein Produzent betritt die Küche und nimmt mich in Beschlag.

Während ich im Wohnzimmer umringt von einigen Produzenten und Agenten stehe, die neue Serienentwürfe diskutieren, verfolge ich aus den Augenwinkeln, was meine Geschwister so treiben. Mary ist erst beim zweiten Glas angekommen, sie lauscht verzückt den Worten ihres Mannes, der vor einer kleinen Gruppe über Neubaugebiete in Minneapolis referiert. Vivenne ist ebenfalls umringt von einer kleinen Traube Menschen, die ihr dabei zuhören, wie sie ein neues Wellness-Zentrum an einem nahe gelegenen See plant.

Vivenne und Vincent sind der Vorstand der Firma unseres Vaters, ich bin stille Teilhaberin. Normalerweise beschäftige ich mich nicht damit, was die beiden bauen lassen wollen, aber ich habe einen kleinen Maulwurf in der Firma, der mir sagt, wenn die beiden sich in der Natur zu schaffen machen wollen. Vincents Sekretärin war die Sekretärin meines Vaters und vertraut Vincent nicht. Daher schreibt sie mir von ihrer privaten Mailadresse, wenn etwas nicht so läuft, wie Vater es gern gehabt hätte.

Er hat immer versucht, Gebäude im Einklang mit ihrer Umgebung zu bauen, altes zu restaurieren und zu modernisieren, Neues harmonisch einzufügen. Viv und Vincent hingegen tun alles, sobald jemand mit einem dicken Scheck winkt. Das Wellness-Zentrum ist eine dieser Eingebungen von ihr. Ich werde sie nicht überstimmen können, es nicht zu bauen, falls Vincent auf ihrer Seite ist, aber ich kann ihr den Bau sehr erschweren. Normalerweise gehen sie auf meine Änderungsvorschläge ein, denn sie haben keine Lust, sich mit der Presse und den Naturschützern herumzuschlagen, die ich in Marsch setzen kann. Doch manchmal juckt es Viv, mich zu provozieren, so wie heute. Sieh her, sagt ihre Haltung, ich erzähle Deinen Kunden und Partnern von meinen Plänen, sie finden sie großartig, also mach sie nicht kaputt, wenn Du weiterhin gut mit ihnen auskommen willst.

Viv und ich beherrschen das Spiel der Manipulation ziemlich gut und sie wird leider von Jahr zu Jahr besser – und vor allem skrupelloser. Obwohl wir weit von korrupten Städten wie Chicago entfernt sind, ist die Baubranche in Minnesota auch nicht frei von Bestechung und illegalen Vorhaben. Und leider war auch Vater nicht frei davon.

Ich atme tief durch, merke, dass ich den Faden der Diskussion verloren habe und entscheide, dass ich frische Luft brauche. Ich nehme meine Strickjacke, die ich über einen meiner Sessel gelegt hatte, öffne die Terrassentür und gehe ein paar Schritte Richtung Wald. Die Holzterrasse ist umringt von kleinen Lampen, die ein bisschen Licht in den bereits sehr dunklen Abend bringen. Von den Sesseln dringt leises Lachen an meine Ohren, trotz der Kälte amüsieren sich meine Gäste hier draußen. Eigentlich ist es schön, dieses Haus mit so viel Leben zu füllen. Für meine Familie war es ein Wochenendhaus, und das klingt jetzt so, als hätte ich viele schöne Erinnerungen an Ausflüge mit meiner Familie hierher. Aber an viel erinnere ich mich nicht.

Es war eher ein Rückzugsort für meinen Vater von der Hektik der Großstadt. Unser richtiges Zuhause war ein Loft in Minneapolis, in einem Bürotower, den mein Vater entworfen und in dem er meistens auch gearbeitet hatte. Wenn ihm die Ideen ausgingen, nahm er uns alle mit hierher, verbarrikadierte sich in seinem Büro im ersten Stock mit phantastischer Aussicht auf den Wald und hoffte, dass die Natur uns beschäftigen würde.

Meine Mutter läutete die Cocktailstunde hier auf dem Land noch früher ein als sonst, lag auf dem teuren Ledersofa und telefonierte mit wer weiß wem. Vincent trainierte im Wald und in dem angrenzenden See für Schwimmmeisterschaften, Vivienne lernte Modezeitschriften auswendig und ich lag in meinem Zimmer und las. Wir waren alle an einem Ort und waren doch nicht miteinander hier. Die Intention meiner Eltern, uns durch Vornamen, die alle mit einem V beginnen, aneinander zu schweißen, funktionierte nicht. Wir drei hatten nicht viel mehr gemeinsam als unsere Abstammung. Wir stritten nicht einmal miteinander wie andere Geschwister, wir gingen uns einfach aus dem Weg.

Während Viv und Vincent das Aussehen meiner Mutter geerbt hatten, ihre blonde und hellhäutige Attraktivität, geriet ich nach meinem Vater mit hellbraunen Haaren und dunklen Augen. Auch vom Gemüt her passten wir bestens zusammen. Nie ein Wort zu viel, wenig emotionale Regung, viel Stille.

Dass mein Vater an diesen Wesenszügen schwer zu tragen hatte, wurde mir erst jetzt als Erwachsene bewusst. Sein Mangel an gezeigter Liebe war eine Folge seiner lieblosen Kindheit, doch obwohl ich dafür jetzt Verständnis hatte, verzieh ich ihm das nie. Mein Streben nach seiner Anerkennung war jahrelang mein einziger Antrieb, überhaupt aufzustehen und meinen Schulabschluss zu machen. Als ich merkte, dass ich kein Talent für die Architektur und das Bauwesen habe, fiel es mir schwer, mich zu entscheiden, was ich tun sollte mit diesem Leben. Als ich mich entschloss, Drehbuchautorin zu werden, kam aber auch nicht der erwartete Aufschrei meiner Eltern. Kein: Kind, mach was Ordentliches! Sondern nur weiterhin Gleichgültigkeit.

Die einzigen Momente, in denen mein Vater mich wirklich sah, waren die dunklen Nächte hier. Jede Nacht ging er hinaus, um eine Zigarette zu rauchen, niemals mehr, einen Scotch zu trinken und in den Wald zu starren. Als ich ihn das erste Mal so sah, fragte ich mich, was er zu sehen erhoffte. Später wurde mir klar, dass er sah, was niemand wahrnimmt, wenn man in den dunklen Wald starrt: winzige Lichtscheine auf den Blättern, gespiegeltes Mondlicht und eine Klarheit, die es nur hier draußen gibt. Deshalb hatte er das Haus im Wald gebaut: Hier hatte er die Klarheit der Natur, denn die verstand er, die konnte er abbilden in seinen Entwürfen.

Die Menschen, vor allem die in seiner Umgebung, waren viel zu kompliziert für ihn. Und er sah die Freiheit, etwas, das er sich nie genommen hatte, die Freiheit zu tun, was er wollte. Ich glaube, eigentlich steckte eine viel verrücktere Künstlerseele in ihm, ein extravaganter Mann mit großen Träumen. Die Architektur war nur ein Kompromiss, wenn auch ein sehr einträglicher. Vielleicht wäre er ein viel besserer Bildhauer geworden oder Maler, einer der wirklich großen. Doch das Leben hatte ihn niedergedrückt.

Ich ging dazu über, jede Nacht mit ihm draußen auf der Terrasse zu verbringen. Wir redeten nicht, sahen nur in die Stille und genossen es, jemanden zu haben, der einen zumindest ein bisschen verstand. Deshalb war dieses Haus mein Zuhause. Der einzige Ort, der je das Gefühl der Geborgenheit in mir ausgelöst hatte.

Deshalb war ich auch die einzige von uns, die am Ende des Jahres Briefe von Vater bekam. Das war einer von zwei Gründen. In den Briefen, die er Jahre vor seinem Tod vor drei Jahren vorgeschrieben haben musste, schrieb er nicht viel Persönliches. Er blickte auf die Vergangenheit zurück, erinnerte sich an unsere Nächte und sprach schließlich etwas Unaussprechliches aus, das meine Zukunft zu einem gerechteren Ort machte. Deshalb mochte ich die Briefe viel mehr als seine materiellen Geschenke, aber auch, weil sie Viv und Vincent eifersüchtig machten.

„Ist es dir nicht viel zu kalt hier draußen?“ Ich schrecke so stark zusammen, dass ich mein Weinglas nur mit Mühe festhalten kann. Ich drehe mich um. „Dafür, dass du alleine hier draußen lebst, bist du sehr schreckhaft“, sagt Julien lachend. „Wie schaffst du es, dass dich die Geräusche des Waldes nicht erschrecken?“ „Daran bin ich gewöhnt, aber nicht an Menschen, die sich an mich heran schleichen“, antworte ich, bemüht, meinen Herzschlag zu verlangsamen. Julien geht ein paar Schritte auf die Terrasse zurück zu einem Tisch, auf dem einige Weinflaschen stehen, kommt zurück und schenkt mir nach. Ich nehme einen großen Schluck und sehne mich plötzlich nach einem Scotch. Eine Flasche von Vater steht in der Bar im Wohnzimmer, ein letztes Relikt, ungeöffnet. Vielleicht ist heute der richtige Abend, das zu ändern.

„Nein, im Ernst, ist es nicht unheimlich hier draußen so allein?“ Ich drehe mich wieder um und blicke in den Wald. Schwach sind zwischen den Bäumen helle Flecken am Boden zu erkennen. Ich beruhige mich und zeige sie Julien. Drei sind von hier aus zu sehen, die anderen beiden sind weiter vorne, weit genug weg von den Autos und damit von den Gästen, aber nah genug, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen. „Siehst du die hellen Flecken? Das sind Sam, Dean und Bobby, vorne leben noch Meg und Jody.“ Er blickt mich ratlos an. „Das sind Kuvasz, Herdenschutzhunde. Jeder wiegt um die 60 Kilo, sie sehen träge aus, bewachen aber das Haus und mich.“ „Vor Wölfen und Bären?“ „Eher vor Menschen. Bei dieser großen Gesellschaft ziehen sie sich etwas in den Wald zurück, dort gibt es einen Zaun, der sie vom Haus heute Abend fernhält. Aber meine Gäste wissen auch, dass sie dort nicht hingehen sollten. Sie können recht besitzergreifend sein und reagieren auf Fremde feindselig.“ „Und heute Abend brauchst Du ihren Schutz nicht?“ Julien sieht mich an, die Grübchen sind verschwunden, als wären sie nie da gewesen. Seine schwarze Kleidung lässt seine Konturen im Dunkeln verschwimmen, sein bleiches Gesicht wird von den Lampen angestrahlt und wirkt wieder gespenstisch. Ich versuche, meinem Blick so viel Überzeugung zu verleihen, wie es mir möglich ist. „Nein, heute Abend nicht. Was soll inmitten dieser großen Gesellschaft schon passieren?“ „Hast Du Dir deshalb den Abend heute dafür ausgesucht?“ Ich erstarre.

„Vic, meine Liebe“, säuselt Vivienne hörbar angetrunken und gelangweilt von meinen Gästen, von denen keiner bereit scheint, ihren Avancen zu erliegen. „Vic, ich glaube, Mary muss bald nach Hause.“ Über Juliens Schulter hinweg sehe ich, wie Mary lacht und obwohl ich es nicht höre, weiß ich, wie dreckig ihr Lachen jetzt klingt. Das Fluchen ist nur noch wenige Schlucke Wein entfernt. Hinter Viv steht Vincent, er sieht ein bisschen verwirrt aus.

Ich schaue Julien an und versuche mich zu fangen. „Vic, Du wolltest doch noch etwas mit uns besprechen, wenn ich mich recht erinnere?“, drängt Vincent ungeduldig. Julien sieht mich weiter herausfordernd an. Ich überlege schnell, ob es wirklich ein Fehler war, meine Hunde auszusperren. Aber sie jetzt hierher holen kann ich auch nicht. Ich gehe also weiter wie geplant vor. „Julien, entschuldige uns bitte, wir müssen etwas besprechen“, sage ich, während ich an ihm vorbei gehe. Dabei fällt mein Blick auf die halbleere Flasche Wein, die er in der linken Hand hält. Er ist Linkshänder, fällt mir jetzt erst auf. An was erinnert mich das? Ich denke fieberhaft nach, merke, wie mir wieder warm wird, unangenehm heiß, ich beginne zu schwitzen. Kurz bevor ich an Julien vorbei bin, sehe ich an der Flasche Wein weiter herunter und bleibe an seinem Hosenbein hängen. Die Hose ist untypisch für die Männermode, sie ist nicht eng, sondern weiter, dennoch zeichnet sich am linken Unterschenkel etwas unter der Hose ab. Bevor ich herausfinde, was es ist, bewegt Julien sich zur Seite, er macht Anstalten, mir zu folgen.

„Wir gehen in Vaters Arbeitszimmer, da sind wir ungestört“, sage ich an Viv und Vincent gewandt. Und in der Hoffnung, Julien klarzumachen, dass die Unterhaltung privat ist, in der Hoffnung, ihn abzuschütteln. Obwohl sein Verhalten in den letzten Minuten merkwürdig war, habe ich keine Angst vor ihm. Doch vielleicht sollte ich das? Er scheint etwas zu wissen, was niemand wissen kann.

In unserem Tower in den Twin Cities war man nie ungestört, immer wuselten Menschen herum. Die Security und der Concierge vermittelten ein vages Gefühl von Sicherheit und eigentlich war es schön, in der Masse unterzutauchen. Doch oftmals wurde mir das Leben in der Stadt zu viel. Manchmal sehnte ich mich nach der Ruhe im Wald. Als ich Juliens linke Hand bemerkt habe, blitzt eine Erinnerung in mir auf: Eine linke Hand, die meinem Vater auf den Arm klopft, eine linke Hand, die den Fahrstuhl aufhält, als ich irritiert stehenbleibe, weil ein fremder Mann aus unserer Wohnung im Tower kommt. Ein flüchtiges Lächeln, ein Hosenbein, das sich leicht ausbeult, als er sein Bein in die Fahrstuhltür klemmt. Wieso kannte Julien meinen Vater? Und wieso erinnere ich mich auf einmal an das Gefühl, beobachtet zu werden in den Twin Cities? Ich streifte oft ziellos durch die Stadt, wenn mir die Wohnung zu eng wurde. Aber wahrscheinlich war ich nie wirklich alleine.

Wir drei gehen durch das Wohnzimmer, in den Flur, die Treppe hoch zu Vaters Zimmer. Dieses Haus ist dank der Fenster und der großen Räume lichtdurchflutet, aber auch, weil es keine Türen gibt. Das verfluche ich jetzt. Unterhalten wir uns oben, wird unten keiner was hören, die Gespräche sind noch in vollem Gange. Steht aber jemand auf der Treppe, bekommt er alles mit. Und das ist genau dort, wo Julien jetzt stehenbleibt. Mein irritierter Blick hält ihn nicht davon ab, sich betont lässig gegen das Geländer zu lehnen, den anderen beiden fällt das nicht auf. Sie müssen sich der lästigen Pflicht ergeben, mit mir zu reden, das lenkt sie genug ab.

Im Arbeitszimmer, das wie ein Mausoleum für Vater ist mit seinen Skizzen, Notizen und Ordnern, die ich nie weggeräumt habe, gehe ich zum Schreibtisch, der vor den bodentiefen Fenstern steht. Ich schließe die Schubladen mit einem Schlüssel auf, der den ganzen Abend in der Tasche meines Kleides verborgen war. Den ich den ganzen Abend dort gespürt habe und meinte, er würde sich noch durch den Stoff brennen angesichts des Geheimnisses, das er verschließt. Ich breite die Dokumente und Vaters drei Briefe auf dem Schreibtisch aus. Ich stelle mich vor meine Geschwister, die ungeduldig auf die Blätter starren.

„Ab sofort ist Schluss mit dieser Farce“, sage ich, meine Stimme zittert. Schnell greife ich nach dem Weinglas, nehme den letzten Schluck und fahre fort. „Ab sofort werden wir uns nicht mehr sehen, keine Feste mehr, und ihr bekommt nichts mehr von Vaters Vermächtnis.“ Vincent runzelt die Stirn, Vivienne wankt auf ihren Stöckelschuhen. „Vic, was soll das denn jetzt?“ Verärgert kommt Vincent auf mich zu. „Was ist das alles?“

„Das sind die Beweise, dass ihr nicht die Kinder meines Vaters seid und kein Recht auf sein Erbe habt“, sage ich mit annähernd fester Stimme. So, jetzt ist es raus. Vivienne fängt an zu kichern. „Ach Vic, das hier ist doch keine deiner Soaps“, sagt sie verächtlich. „Du warst wohl zu viel alleine hier mit deinen Gedanken.“ Ihr Kichern wird lauter.

Vincent hingegen beugt sich über die Dokumente, nimmt eines hoch. Seine große Gestalt wirkt auf einmal kleiner, er zittert. „Woher hast du das alles?“ „Im Gegensatz zu euch habe ich Vaters Erbe gut angelegt: einen kleinen Teil gespendet, einen großen Teil in Nachforschungen investiert.“ Ich gehe zum Schreibtisch und nehme einen seiner Briefe. „In seinem ersten Brief an mich äußert er die Vermutung, dass ihr nicht seine Kinder seid. Ihm war klar, dass Mutter nicht glücklich mit ihm war, dass sie Affären hatte. Aber er dachte, das sei erst geschehen, als wir schon älter waren. Also stellte auch er Nachforschungen an. Wir beide sind Kontrollfreaks, wir wollen wissen, was die Menschen in unserer Umgebung machen, wenn wir es schon nicht verstehen.“

Ich stelle mich vor Vincent. Seine Größe wirkt nun weniger einschüchternd als als Kind. Vivienne lässt sich in einen Stuhl fallen, sie wirkt entsetzt. Vincent starrt mich an. „Es gab da einen Mann, John, er war blond, groß, gutaussehend und Politiker. Verheiratet und mit einem Faible für Mutter. Eine jahrzehntelange Affäre, sie trennten sich oft, aber niemals von ihren Partnern. Eine Hassliebe. Mit zwei Ergebnissen. Dass das geheim bleiben musste, ist klar. Erinnert ihr euch an Mutter kurz vor ihrem Tod? Auf mich wirkte sie damals voller Reue, etwas, das ich nicht an ihr kannte. Und sie versuchte oft, mit mir zu sprechen, nachdem sie mich jahrelang ignoriert hatte. Aber ich hörte ihr nicht zu. Ich dachte, der Krebs hatte sie verrückt gemacht“, setze ich gehässig nach.

Aus Vincent entweicht die Luft wie aus einem Ballon, er wirkt schlaff. „Du hast das gewusst“, sage ich zu ihm. Vivienne atmet scharf ein. „Wie kannst du das nur sagen? Warum sollte er das wissen? Warum sollte das überhaupt wahr sein?“, keift sie. Laut genug, dass Julien sie hört. „Ich glaube dir kein Wort. Du bist ein missgünstiges… Miststück!“ Sie wird lauter. Ich sehe sie an. „Keine Sorge. Ich will eure Firma nicht. Ich will euer Geld nicht. Ich weiß, dass es schlecht um die Firma steht, das kommt davon, wenn man so viel in die eigene Tasche wirtschaftet. Verkauft sie einfach und verschwindet von hier. Das ist das beste, das ihr machen könnt, ohne dass ich euch in einen Skandal stürze.“

Ich drohe ihnen, das ist ein Wesenszug, der mir bislang fremd war. Aber es kommt alles hoch. Die lieblose Kindheit, die Jugend im Schatten von Viviennes Strahlkraft auf Jungen, die Dominanz von Vincents Präsenz. Er, der an Familienabenden redet, mit seinen Errungenschaften protzt, der die perfekte Familie vorweisen kann. Vivienne, das Lebemädchen, das jeden und alles bekommt. Ich bade mich im Selbstmitleid, obwohl ich weiß, dass ich mein Leben selbst in der Hand hatte. Ich habe es mir von ihnen wegnehmen lassen. Ich habe zugesehen. Gelähmt von der Lieblosigkeit, geschwächt vom mangelnden Zuspruch. Damit ist jetzt Schluss.

Ich nehme die restlichen Dokumente vom Schreibtisch, Beweisfotos, die Vater hatte anfertigen lassen von Mutter und John. Beweise, die Vater erst kurz vor seinem Herzinfarkt bekam, danach war er nicht mehr in der Lage, sein Testament zu ändern. Ich wedele damit vor Vincents Gesicht herum, das langsam die Fassung verliert. „Verschwindet aus meinem Leben!“

Vincent starrt mich an und reißt mir die Beweise aus der Hand. „Ich lasse mich doch nicht von dir erpressen! Du wirst noch sehen, mit wem du dich hier anlegst. Ich habe…“, weiter kommt er nicht. Julien steht in der Tür, genauso lässig wie vorhin am Geländer. Kurz blitzen die Grübchen auf, als er in meine Richtung lächelt. „Ich denke, wir fahren jetzt“, sagt er zu Vincent. Dem ist alle Höflichkeit abhanden gekommen. „Verschwinde, das hier ist privat“, knurrt er, ohne Julien eines Blickes zu würdigen. „Vincent“, ruft Viv. „Halt die Klappe!“, fährt er sie an. Ich blicke an Vincent vorbei auf Julien. Vincent sieht meinen Blick und dreht sich um. Jetzt erkenne ich, was sich unter Juliens Hose abgezeichnet hat. Die Waffe sieht klein aus in seiner Hand, unwirklich, und obwohl ich keine Ahnung davon habe, erkenne ich den Schalldämpfer auf dem Lauf. „Doch, ihr solltet jetzt fahren. Ich denke, Vincent, Du bist dazu noch in der Lage“, sagt Julien ruhiger, als es der Situation angemessen ist.

Ich schreibe Drehbücher für Serien. Ich sehe mir sehr viele Serien an und genauso viele Filme. Das hier wirkt wie eine Szene aus einem dieser Filme, bei denen ich auf dem Sofa einschlafe. Aber das ist die erste Szene heute Abend, die einen wirklichen Sinn für mich ergibt. Julien, wie er durch die türlose Öffnung in das Wohnzimmer kommt. Wie er in der Küche steht und mir lächelnd Wein nachschenkt. Wie er auf der Beerdigung meines Vaters am Rande des Urnengrabes steht, als alle weggegangen sind und ihn niemand mehr sieht außer ich. Wie er auf den Fahrstuhl wartet, der ihn nach oben in das Büro meines Vaters bringt, auf den Fahrstuhl, aus dem ich aussteige, zu einer ungewöhnlich frühen Zeit. Die Puzzleteile, die ich in den letzten Monaten zusammengetragen habe, werden zu einem Bild. Das geht so schnell, dass mir schwindelig wird. Oder ist das der Wein? Ich halte mich am Schreibtisch fest.

Vincent schaut mich an. „Ja, wir gehen jetzt. Aber wir werden morgen darüber reden“, droht er mir. Er zerrt Vivienne aus dem Stuhl hoch und poltert die Treppe hinunter.

Julien steckt die Waffe wieder weg, zupft sein Hosenbein zurecht und sieht mich entschuldigend an. „Ich dachte, du hast mich früher erkannt. Immerhin habe ich mir Mühe gegeben, mich dir oft zu zeigen.“ „Nein, ich war zu beschäftigt mit dem, was ich herausgefunden habe. Du bist der Detektiv, den Vater angeheuert hat? Vor zehn Jahren schon? So lange kanntet ihr euch?“ Julien nickt. „Wobei, Detektiv trifft es nicht wirklich, oder?“ Er erspart sich das Nicken. „Scheiße.“ Kurz stockt mir der Atem. „Tust du mir einen Gefallen? Unten in der Bar steht eine Flasche Scotch. Macallan, Jahrgang 78.“ Ich muss nicht weiter reden, Julien geht bereits aus dem Zimmer. Ich sehe auf den Wald und atme langsam aus.

Meine Hand mit dem teuren Scotch zittert, er schmeckt hervorragend. Auch wenn ich das erste Glas schnell geleert habe, weiß ich ihn zu schätzen. „Also, du hast alles über die Affäre meiner Mutter herausgefunden“, sage ich zu Julien, er schaut mich undurchdringlich an. „Mehr als das. Ich sollte auch ein Auge auf euch haben. Vincent hat sich auf ein paar Geschäfte eingelassen, die er besser hätte sein lassen. Und Vivienne ist ein paar Leuten in der Drogenszene zu nahe gekommen. Vincent ist auch nicht so dumm, wie er aussieht, er hatte ebenfalls alles über die Affäre herausgefunden, aber gehofft, dass dein Vater alles geheim hält. Dein Vater war, nun ja, sehr darauf bedacht, was alle anderen von ihm halten. Vincent hatte darauf spekuliert, dass er das Geheimnis mit in sein Grab nimmt, um seinen Ruf nicht aufs Spiel zu setzen.“

Er geht zum Fenster und sieht hinaus. Seine Haltung ist selbstbewusst, aber er strahlt eine Traurigkeit aus, die nicht zu seinem Job passt. Die Gespräche unten sind in all der Zeit nicht verstummt, aber ich wünschte mir jetzt, ich wäre alleine. Mein Kopf brummt. Vor allem, als mir ein neuer Gedanke kommt. „Wie wollten sie es machen?“ Julien dreht sich um. Er sieht noch trauriger aus.

„Ich vermute, du hättest in den nächsten Tagen Besuch bekommen. Selbstmord wäre eine logische Lösung gewesen.“ Es stimmt, meine Geschwister, Halbgeschwister, wollten mich umbringen lassen. „War Viv involviert?“ „Nein, das war Vincents Idee. Er hat dafür auch genug Kontakte.“ „Also bin ich ihnen zuvorgekommen? Du… bist ihnen zuvorgekommen?“ „Ja.“ Er dreht sich wieder um.

Nachdem ich wieder unten bin, fangen die Gäste an, sich zu verabschieden. Ich werde in weinselige Umarmungen gezwungen, es werden Versprechungen gemacht, die nächste Feier muss bald kommen! Und ich bleibe im Chaos zurück.

Wie ein Schatten ist Julien geblieben. Nachdem alle weg sind, die Servicekräfte habe ich gezwungen zu gehen, aufgeräumt wird später, gehe ich in den Wald und lasse meine Hunde wieder hinein. Sie begrüßen mich, hellwach, aber nicht stürmisch, gehen bedacht mit mir um, als wäre ich so zerbrechlich, wie ich mich fühle. Ich gehe in die Hocke, vergrabe mein Gesicht in ihrem hellweißen Fell, bevor sie ihrer Wege gehen, Position beziehen. Und auf einmal fühle ich mich frei.

Ich sitze in der Unordnung der Feier und trinke mein drittes Glas Scotch. Ich werde morgen einen Kater haben, nein, heute, es ist nach zwei Uhr nachts, und ich werde ihn nicht auskurieren können. Heute ist Sonntag, ein Ruhetag, aber es kommen Möbelpacker, die meine Sessel und Sofas entsorgen. Morgen, Montag geht die Renovierung los, das Arbeitszimmer wird ausgeräumt, die Möbel werden so hell und passend wie die Architektur des Hauses. Das Alte wird neu. Und ich?

Julien sitzt mir gegenüber, er passt nicht in diese plüschigen Sessel. Er verschwindet fast in seinem, aber das ist eigentlich auch sein Job, zu verschwinden, unsichtbar zu sein. „Dein Vater hat mir genug gezahlt, um dich weiterhin…“ Er spricht nicht weiter, sieht mich erwartungsvoll an. „Zu beschützen? Ganz ehrlich, das ist ziemlich überheblich“, antworte ich spöttisch. Ist das der Scotch, der aus mir spricht? Er sieht verärgert aus. „Entschuldige, aber ich muss nicht beschützt werden. Ich bin dir dankbar, dass du … mich unterstützt hast. Aber ich komme alleine klar. Das bin ich immer“, füge ich hinzu, selbstbewusster, als ich mich gerade fühle. Stimmt das? Oder lerne ich das gerade erst, alleine klar zu kommen?

Julien lehnt sich in dem Sessel vor. „Natürlich tust du das. Aber, sagen wir so, ich kümmere mich um die Dinge, um die du dich nicht kümmern solltest. Also, na ja, von denen du keine Ahnung hast.“ Ein Lächeln. „Soll ich dir noch was sagen? Du siehst lächerlich in dem Sessel aus.“ Ich fange an zu lachen. „Jeder sieht in diesen verdammten Sesseln lächerlich aus. Ich weiß nicht, warum ich sie überhaupt habe, außer, um die Schönheit dieses Hauses ein bisschen verblassen zu lassen.“ Fast bleibt mir mein Lachen im Hals stecken. War das so? War mein bisheriges Leben ein Versuch, das Vermächtnis meines Vaters kleiner erscheinen zu lassen? Ihn kleiner erscheinen zu lassen? Und mich größer?

Ich stelle das Glas weg. „Tut mir leid, der Scotch bringt absurde Gedanken in mir hervor.“ Julien sieht mich erwartungsvoll an. „Ich fand es schön, dass er dich zum Lachen gebracht hat.“ Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Ich muss daran denken, dass er mich beobachtet. Seit Jahren. Viel mehr von mir weiß als jeder andere. Das ist mir zu viel Nähe. Und es ist auch gruselig.

„Ich muss mich jetzt hinlegen. Die Möbelpacker kommen um zehn, später ging nicht. Um zwölf muss ich los. Du hast kein Auto hier, soll ich dich mit in die Stadt nehmen?“ „Ja, ich muss auch zum Flughafen“, antwortet Julien. „Wohnst du wirklich in Chicago?“, frage ich als letzten Versuch, ihm etwas Persönliches zu entlocken. „Auch“, sagt er lächelnd.

Nach einem unruhigen Schlaf frühstücken wir im Chaos der Küche Tapas von gestern Abend, am nächsten Tag schmecken sie immer besser. Die Möbelpacker räumen geräuschvoll das Wohnzimmer aus, später kommt Angela mit einem Trupp Reinigungskräfte. Angela habe ich meinen Schlüssel anvertraut sowie die Pflege meiner Hunde. Mein Koffer ist bereits gepackt, aber ich brauche nicht viel. Julien und ich reden kaum auf der Fahrt zum Flughafen, was soll ich zu jemandem sagen, der mich genau kennt, ich ihn aber nicht? Mir fallen keine wichtigen Fragen ein, denn eigentlich will ich nichts Genaues über ihn wissen. Obwohl, eine Frage habe ich schon. Doch ob er jemanden umgebracht hat, traue ich mich nicht zu fragen.

Der Anruf kam um halb acht und weckte mich aus meinem unruhigen Schlaf. Ich hatte immer erwartet, dass die Polizisten persönlich vorbeikommen, aber diese Vorstellung war wohl auch meinem TV-Konsum geschuldet. „Es tut uns sehr Leid, Miss McKenzie“, so fangen schlechte Nachrichten an. Mir tat es vor allem für meine Nichte und meine Neffen leid, aber ich glaube, sie sind robust genug, um den Verlust ihrer Eltern zu verschmerzen. Vielleicht war ihr Tod sogar ein Segen.

Vincent soll abgelenkt gewesen sein, vielleicht erschrocken, vielleicht war es ein Reh, das die Straße kreuzte, vielleicht war er doch zu betrunken. Das Auto prallte frontal gegen einen Baum, es ging in Flammen auf, alle drei waren sofort tot. So die offizielle Version.

Julien war den ganzen Abend, die ganze Nacht, ohne Hintergedanken, bei mir, also was konnte er schon damit zu tun haben? Es war Viviennes Auto, wäre es manipuliert gewesen, wäre es schon auf dem Weg zu meiner Feier passiert. Es war ein Unfall, Schicksal vielleicht. Das redete ich mir ein.

Auf dem Flughafen verabschiede ich mich von Julien. „Du hast noch gar nicht erzählt, wohin die Reise geht“, sagt er, als er meinen Koffer auf einem Gepäckwagen platziert. Ich könnte ihn auch tragen, ich habe nicht viel darin verstaut. „Ich fand es komisch, dass ich so viel im Ausland war, aber kaum in Amerika unterwegs. Ich wollte schon immer mal nach San Francisco und L.A., ein bisschen Geld verprassen in Las Vegas und entspannen am Strand von San Diego. Ich werde mir in L.A. ein Auto mieten und einen kleinen Roadtrip machen.“ „Du warst noch nie in L.A.?“, fragt er ungläubig. „Nein“, antworte ich lachend, „auf die wirklich coolen Parties in Hollywood wurde ich noch nie eingeladen. Und Du, zurück nach Chicago?“

Er sieht mich an und plötzlich wirkt er fast fröhlich. „Ich war noch nie in San Diego. Vielleicht sehen wir uns dort.“ Er dreht sich um, steigt in mein Auto, das Angela am ehemaligen Büro später meines Vater abholen soll, schaut noch kurz in den Rückspiegel und fährt weg. Ich sehe ihm nach, bis er auf dem Highway verschwunden ist und genieße dann noch kurz die Skyline der Twin Cities. Dann drehe ich mich um und gehe in den Flughafen. Alles auf Anfang, mit nur ein bisschen Gepäck auf dem Rücken.

Hallo liebe Leser!

Schön, dass Du den Weg hierher gefunden hast. Vor einigen Jahren habe ich mich bereits auf einem WordPress-Blog ausgetobt, nun ist es aber an der Zeit für meine eigene Homepage. Inklusive einiger Nervenzusammenbrüche ist es nun geschafft!

Was Dich hier erwartet: Alles, was mich bewegt. Das sind viele Serien und Filme (ich bin ein ziemlicher Nerd), Bücher aller Art, Yoga und natürlich darf Cat Content in Form meiner eigenen Katzen nicht fehlen!

Doch eigentlich geht es hier um Fiktion, um meine Kurzgeschichten, denen ich eine Plattform bieten möchte. Viel Spaß also beim Lesen!

Kater Loki beim Chillen auf meiner Meditationsmatte